Zeitschrift: Familienforschung Schweiz : Jahrbuch = Généalogie suisse : annuaire
= Genealogia svizzera : annuario
Herausgeber: Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung
Band: 42 (2015)
Artikel: Schweizer Auswanderung nach Brasilien 1819
Autor: Weibel-Knupp, Anita
DOI: https://doi.org/10.5169/seals-697750
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Schweizer Auswanderung nach Brasilien
1819
Anita Weibel-Knupp
Resume
II y aurait beaucoup ä dire sur les 600 ans d'histoire de lafamille Knupp. Mais
l'auteure se focalise ici sur I'emigration suisse de 1819. Elle nous emmene sur
les traces des freres Joanes et Josephus Knupp: comment ils ont trouve une
nouvelle patrie au Bresil et comment ils ont voyage en bateau. La genealogiste
est particulierement heureuse d'avoir retrouve les ancetres de Nova Friburgo et
d'avoir fait une belle rencontre avec le professeur Jorge Knupp et sa famille.
C'est a travers les rapports de quelques emigres qui sont revenus que l'auteure
a appris bien des choses et qu'elle a pu remonter l'histoire de ces emigres jus-
qu'a leur origine en Suisse. La chronique de lafamille Knupp deposee dans dif-
ferentes bibliotheques ou archives cantonales accompagnera l'arbre genealo-
gique.
Zusammenfassung
Aus der 600-jährigen Geschichte der Familie Knupp, lässt sich eine ganze
Menge berichten. Wir wollen uns hier auf die Schweizer Auswanderung von
1819 konzentrieren. Wir begeben uns auf die Spuren der Brüder Joanes und
Josephus Knupp und erfahren, wie sie in Brasilien eine neue Heimat gefunden
haben und wie die Reise auf dem Schiff verlaufen ist. Dass die Familienforscherin
die Vorfahren aus Nova Friburgo gefunden hat und mit Prof. Dr. Jorge
Knupp und seiner Sippe eine beglückende Begegnung gemacht hat, freut sie
ganz besonders. Die Autorin hat einiges durch Berichte von Rückwanderer
erfahren und so die Rückverfolgung der Geschichte der Auswanderer bis zum
Ursprung in die Schweiz verfolgt.
Die Familien-Chronik Knupp welche in verschiedenen Kantonsbibliotheken und
Staatsarchiven hinterlegt ist, soll den Stammbaum begleiten.
SGFFJahrbuch 2015 223
Die Auslandschweizer, drei Knupp-Männer, kamen
zurück ihren Wurzeln
zu
Endlich hat es geklappt! Prof. Dr. Jorge Knupp ist mit seinen beiden Söhnen
in die Schweiz gereist. Das war ihre erste Europareise. Sie freuten sich riesig
auf die Spurensuche nach ihren Ahnen, der Knupp in der Schweiz, und darauf,
ihre Bekanntschaft machen zu dürfen. Am Dienstag, dem 2. Oktober 2010
kamen Jorge Knupp (Cousin 5. Grades) mit seinen beiden Söhnen Erick und Christian
auf dem Flughafen Zürich an. Was lange währt wird endlich gut! Mein
Mann und ich zeigten den drei Brasilianern die schöne Schweiz. Endlich konnten
sie ihre Familiengeschichte kennen lernen. Sie blieben bei uns in Windisch
bis zum 30. Oktober.
Am Samstag, den 6. Oktober 2010, wurde Jorge Knupp mit seinen beiden
Söhnen Erick und Christian vom Gemeindepräsidenten Ruedi Lingg, Hans Koller
und Fredy Zettel „Museumdietu" in Grossdietwil (Bürgerort seines Ahnen Joa-
nes Knupp), herzlich empfangen und gebührend geehrt.
Die drei Knupp-Brasilianer waren sichtlich überwältigt vom netten Empfang.
Abb. 1: (von links nach rechts) Ruedi Lingg, Fredy Zettel, Jorge Knupp, Anita Weibel-
Knupp, Christian und Erick Knupp, Hans Koller
224 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Drei Brasilianer kamen ans Knupp-Treffen
Am Samstag, dem 16. Oktober 2010, trafen sich 90 Personen im Schloss-
Wyher in Ettiswil zum Knupp-Treffen mit Verwandten aus Brasilien, und zur
Buchlesung aus der Knupp-Chronik mit der Ahnenforscherin und Autorin Anita
Weibel-Knupp. Im Jahre 2000 hat sich bei ihr nach zweijährigem Suchen Jorge
Knupp gemeldet, ein Nachfahre von Joanes Knupp von Grossdietwil, der 1819
mit seinem Bruder Josephus Knupp und deren Familien (17 Personen) nach
Brasilien ausgewandert ist. Jorge Knupp und seine beiden Sohne sind nun zu
ihren Wurzeln zurückgekehrt und wir möchten ihnen die vielen Eindrucke mit
nach Nova Friburgo geben.
Die Schweizer Tragödie in Nova Friburgo
Kaum waren die drei Brasilianer wieder zuhause in Nova Friburgo kam am
11.1.2011 die schreckliche Naturkatastrophe. Die Stadt, die unsere Vorfahren
im Jahr 1820 aufgebaut haben, wurde zerstört.
Am 11. und 12. Januar 2011 hatten massive Regenfalle, über 24 Stunden
lang, zu Überflutungen und Erdrutschen in der Region rund 100 Kilometer
nördlich der Millionenmetropole Rio de Janeiro gefuhrt; viele Menschen
ertranken oder wurden von Schlamm- und Gerollmassen verschüttet. Es wurde
von der „schlimmsten Naturkatastrophe in der Geschichte Brasiliens"
gesprochen.
Schwer getroffen wurde im Flinterland Nova Friburgo. In der Stadt, die
1820 von unseren Schweizer Auswanderern gegründet wurde, kamen bis zu
424 Menschen ums Leben. Häuser stürzten unter dem Druck meterhoher
Schlammfluten ein, Autos und Lastwagen wurden fortgespult. Ganze Wohnviertel
wurden weggespult. 2000 Obdachlose und 3000 Personen, deren Häuser
zwar noch stehen, die aber nicht mehr dahin zurückkehren konnten,
schilderte Pinheiro, Direktor der Casa Suiga (des Schweizerhauses). Tausende
Überlebende fanden in Notaufnahmen Unterschlupf. Kirchen und Polizeiwachen
wurden zu Leichenhäusern umfunktioniert. Davor spielten sich dramatische
Szenen ab, wahrend Angehörige nach Vermissten suchten. Präsidentin Dilma
Rousseff flog mit dem Helikopter über das Gebiet, sie konnte jedoch nicht
landen. Sie zeigte sich schockiert und versprach „starke Massnahmen" der Regierung.
Ich habe sofort versucht, mit Jorge Knupp Kontakt aufzunehmen. E-Mail
und Telefon nach Nova Friburgo funktionierten nicht. So schrieb ich nach Rio
an seinen Sohn Erick, der im Spital arbeitete. Erick antwortete mir am 13.
Januar: Er habe von seinem Vater, der in Nova Friburgo war, über den Spitalfunk
ein Lebenszeichen erhalten. Erick war überglücklich, dass sein Vater lebte und
Anita Weibel-Knupp 225
wohlauf war. Die Strassen seien versperrt mit Schutt und Baumen. Julio Knupp
der Bruder von Jorge Knupp und Onkel von Erick sei nicht auffindbar, sie seien
aber guter Hoffnung ihn zu finden, was nach vier Tagen dann auch geschah.
Als dann endlich nach sechs Tagen Jorge Knupp mit einem Helikopter Nova
Friburgo verlassen konnte, wurde die Stadt von einem weiteren Erdrutsch
überrascht. Die Behörden befürchteten deshalb einen weiteren Anstieg der
Opferzahlen.
Casa Sui^a, die von der schweizerischen Association Fribourg - Nova Friburgo
(AFNF) aufgebaut wurde, sei nicht betroffen. Mit andern Worten: „Das Haus
steht noch". Der Verein pflegt freundschaftliche Beziehungen zwischen der
Schweiz und der brasilianischen Stadt und will an ihre Schweizer Wurzeln
erinnern. Der Freiburger Verein startete eine Sammelaktion für die Opfer. Die
Stadtregierung Freiburg hat entschieden, die Hilfsaktion des Vereins Freiburg -
Nova Friburgo mit 30'000 Franken zu unterstützen. Die finanzielle Hilfe, die
von der Schweiz geleistet wurde, war fur die brasilianische Schwestergegend
sehr wertvoll und wurde für das Behindertenheim der Stiftung AFAPE
bestimmt. Die Gründung dieses Heimes im Jahr 1996 wurde von der Vereinigung
Fribourg - Nova Friburgo finanziert. Seit dem Erdrutsch sind die Räumlichkeiten
unbrauchbar. „Die Behinderten wurden in einem provisorischen Ort
aufgenommen", erklärt Raphael Fessler, Präsident der Vereinigung. Es wurde ein
Konto eingerichtet, denn die Wiederaufbauarbeiten, der Stadt Nova Friburgo
sind kolossal.
Ich hatte telefonischen Kontakt mit Frau Eliane Kiener DEZA KIE CH-
-
Köniz/Bern. Sie hat sich bei mir über die Knupp-Chronik und die Schweizer
Auswanderer von 1819, heute in Nova Friburgo, informiert. Vom 18. bis 20.
Januar hat sie mich per E-Mail sowie den Generalkonsul aus Rio de Janeiro
kontaktiert. Es seien drei Schweizer Experten in Nova Friburgo und beurteilen
mit dem Generalkonsulat von Rio die Lage. Frau Kiener erkundigte sich nach
den Adressen der Leute in Nova Friburgo. Danach schrieb sie mir einen
Dankesbrief: Mit bestem Dank für diese nützlichen Informationen, welche die
Arbeit unseres Teams vor Ort massiv erleichterte. Ich habe die Angaben an unseren
Generalkonsul Hans-Ulrich Tanner in Rio de Janeiro sowie an den Leader
des Einsatzteams weitergeleitet.
Als Dankeschön wurden am 23. Februar 2011, Jorge Knupp mit seiner Ehefrau
Maria Jose, zum Nachtessen beim Generalkonsul in Rio de Janeiro eingeladen.
Schön, dass der Kontakt stattgefunden hat und dass der Konsul, Herr
Tanner, mit seinem Einsatzteam in Nova Friburgo war.
226 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
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Abb. 2: Die Stadt Nova Friburgo
Die Auslandschweizer der Familie Knupp
Vorwort
Es ist gut, wenn man von seinen Vorfahren die wichtigsten Lebensdaten für
die Ahnentafeln kennt. Erfreulich ist es, wenn überlieferte Geschichten,
Dokumente und Kulturgüter die Betrachtungsweise um eine weitere Dimension
ergänzen. Einen besonderen Glücksfall aber stellt es dar, wenn die Begebenheit
in ein allgemeines geschichtliches Geschehen eingebettet werden kann
und sich gleichsam zu einer Vervollkommnung der Familienforschung erweitert.
Damit wird Familiengeschichte über die Familie hinaus für die Nachkommen
interessant. Ein solcher Glücksfall wurde mir mit dem Fund unserer
Auswanderer und deren Nachfahren aus Brasilien zuteil.
Der karge Boden zwang manche Familie auszuwandern, um ihr Brot in der
Fremde zu verdienen. Aus Briefen vernehmen wir, wie sie sich als Söldner in
fremden Diensten, als Angestellte oder als Auswanderer unter harten
durchgeschlagen haben.
Bedingungen
Die Wissenschaft schenkte dem Auslandschweizertum stets besondere
Beachtung. hauptsächlich war es das 20. Jahrhundert, das eine Fülle an geografi-
schen, geschichtlichen, staatspolitischen, sprachwissenschaftlichen und volks-
Anita Weibel-Knupp 227
kundlichen Untersuchungen entstehen liess. Was aber immer noch fehlt, ist
die Einbeziehung der Familienforschung in die auslandschweizerische
Forschung, die genealogische Erfassung des gesamten Auslandschweizertums mit
der Kenntnis der Flerkunft und der sozialen Schichtung unserer Auswanderer.
Die Familienkunde allein vermag hier den Blick vom Allgemeinen zum Besonderen
zuruckzulenken und so den schon langst Verlorenen mit der Stammfami-
lie und der Fleimat zu verbinden. Die Sippenpflege ist zwar unter den Auswanderern
so alt wie ihre Wanderungen selbst. Ganz jung hingegen ist unter ihnen
die Sippen- und Familienforschung. Was hier vorhanden ist, sind mit wenigen
Ausnahmen allererste Anfange. Die Auswanderung aus alteidgenossischem
Gebiet begann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die zweite grosse
schweizerische Massenauswanderung erfolgte infolge der Verschlechterung
der wirtschaftlichen Lage der Bauernschaft, die in den Nachkriegsjahren des
Dreissigjahrigen Krieges in Not geraten war Ihr Ziel war die Mark Brandenburg.
Diese grosse Wanderungswelle von Schweizern in die Mark erreichte um
1690/93 ihren Höhepunkt und hielt sich mit einzelnen Zugangen bis gegen
1740. Im Jahre 1710 wanderten gegen 5000 Schweizer, vor allem Berner, nach
Nordamerika aus. 1735 wurde die erste schweizerische Kolonie „New Bern"
gegründet.
Die Unbekannten
Mit Anfang des 19 Jahrhunderts begann der Strom der schweizerischen
Auswanderung nach Amerika erneut starker und regelmassiger zu fliessen
Neben Nordamerika, das sich als Auswanderungsziel spater in keiner Weise
geändert hat, tritt nun auch noch Brasilien auf den Plan. Die familiengeschicht-
lichen Quellen dieser Kolonie wurden von mir ausfindig gemacht und bearbeitet.
Es befanden sich nämlich unter den 1819 nach Brasilien ausgewanderten
Schweizern unsere Vorfahren Joanes und Josephus Knupp mit ihren Familien.
Mein Wunsch war, dass die familienkundliche Erfassung der Auslandschweizer
Knupp in meiner Ahnenforschung mitberucksichtigt wird. Ich wusste, ich konnte
dieser Aufgabe nur gerecht werden, wenn ich die Familiengeschichte in ihrer
ethischen Bedeutung besser kennen lernen wurde. Ich musste also die
Auswanderer suchen und versuchen, sie mehr und allgemeiner als bisher zu pflegen,
um mit den Nachkommen dieser Auswanderer in Fühlung zu kommen. Es
war mir bewusst, die zur Erreichung dieses Ziels viel Arbeit zu leisten sein wurde.
Zuerst erkundigte ich mich mittels Kirchenbuchern, Einwanderungslisten,
Einwohnerverzeichnissen von ausländischen Gemeinden, Tagebuchern und
Protokollen usw. Notig wurde auch der mündliche und schriftliche Austausch
mit Historikern und Genealogen, die sich fur die auslandschweizerische
Familienforschung interessieren Es gab Anfragen bei Auskunftsstellen über die
ausgewanderten Schweizer, speziell über die Nachfahren Knupp, und nach der
228 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Rückverfolgung ihrer Abstammung und der Geschichte bis zu ihrem Ursprung
in der Schweiz. Eine grosse Hilfe bei der Kontaktvermittlung war Walter Wer-
melinger, der mit seiner brasilianischen Ehefrau in Brasilien lebt.
Ich staunte nicht schlecht, als sich im Januar 2000, nach zweijähriger Suche,
ein Jorge Knupp aus Brasilien, ein Nachfahre von Ahnen die vor fast 200 Jahren
ausgewandert waren, bei mir meldete. Die Freude war riesig! Was lange währt
wird endlich gut! Unseren Kontakt haben wir anfänglich durch brieflichen
Austausch und später via Internet und Telefon geführt. Jorge Knupp hat mich zum
ersten Mal am 3. Mai 2003, telefonisch kontaktiert. Ich war sehr erstaunt, wie
gut er in dieser kurzen Zeit die deutsche Sprache gelernt hat und beherrscht.
Für mich ist dies von grosser Bedeutung, ja ein Glücksfall, dass ich auf einen
Ahnen in Brasilien stiess, der gewillt war, unsere Sprache zu lernen.
Am 2. April 2003 hat sich per E-Mail ein Alberto Lima Abib Wermelinger aus
Brasilien gemeldet. Er sei ein Nachkomme der Auswandererfamilie Wermelinger
von 1819. Seine Verwandtschaft sei: Wermelinger-Egglin aus Willisau,
Gebrüder Stutz aus Alberswil, Borer-Wehrli aus Grindeiwald, Monnerat-Koller aus
dem Kt. Fribourg und Jura sowie Achermann, Schaller, Kronenberg aus Luzern.
Abb. 4: Grosseltern, Mutter, Tanten und Onkel von Abb. 5: Telefonkabinen prägen
Prof. Dr. Jorge Luiz Knupp (verheiratet mit Maria das Strassenbild von Nova Fri-
Jose Santana Cerqueira). Foto um 1923/25 von burgo: Die öffentlichen Telefone
Jorge Knupp werden auch „Grossohren"genannt
Anita Weibel-Knupp 229
Auswanderung
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230 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
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Jorge Knupp wurde am 14.11.1951, als jüngstes Kind von Lydia Knupp
und dem Zahnarzt Jose Busquet Cerqueira geboren Er ist chirurgischer Zahnarzt
und hat seine Zahnarztpraxis von seinem Vater übernommen Gleichzeitig
unterrichtet er als Professor an der Universität in Nova Friburgo. Zuerst aber
war er Biologie- und Chemielehrer sowie Radiosprecher beim Radio Nova
Friburgo. Seme Mutter Lydia ist am 22. 9. 1916 in Nova Friburgo geboren und
am 1.3.1986 gestorben. Sie wuchs mit einem Bruder Jose Noe Knupp, geboren
am 12.7.1905, sowie zwei Schwestern Maria Eugenia und Yolanda auf. Alle
Geschwister der Mutter sind langst verstorben Sein Vater, ein Zahnarzt, geboren
am 27.9 1904, starb am 2.4.1980. Mit seinen Eltern und sieben Geschwistern
erlebte er seine Jugendzeit. Seine Geschwister sind ebenfalls alle gestorben.
Am 28.12.1975 heiratete Jorge Knupp Maria Jose Santana Cerqueira
und am 12. 11. 1985 kam ihr Stammhalter Erick zur Welt. Es folgte am
17.8.1987 ein zweiter Sohn; beide Sohne studierten am Gymnasium „An-
chieta". Christian hat sich fur den Beruf „Schauspieler" entschieden, er hat
eine kraftige Opernstimme und Erick übt den Beruf Grafiker aus.
Jorge Knupp hat drei Bruder und eine Schwester. Jose Elias und Emmanoel
Jeremias sind Zwillingsbruder, geboren am 15.11 1939 Emmanoel ist Verkaufer
und war verheiratet mit Maria Jose da Silva. Im Jahre 1998 verstarb Maria
Jose leider allzu früh Die Eheleute blieben kinderlos. Jose Elias ist Advokat und
arbeitet in der Stadt Niteroi. Niteroi ist 120 km von Nova Friburgo entfernt. Am
10.2.1968 schloss er mit Maria Alice Cler Marfurt Braga den Bund furs Leben
Die Vorfahren der Marfurts sind ebenfalls 1819 von Fischbach (Nachbarsdorf
von Grossdietwil) nach Brasilien ausgewandert. Am 15 Marz 1969 durften sie
sich über die Geburt des Stammhalters Leonardo Alexander freuen. Aus dieser
Ehe entsprossen noch zwei Madchen
Sein Bruder Julio Cezar, geboren am 26.5.1946, ein Junggeselle, arbeitet als
Lehrer und Journalist. Die Schwester Nilma, geboren am 6.11.1944, lebte mit
dem Lebenspartner Dionisio Silva zusammen. Die Bruder Knupp mussten viel
zu früh von ihrer Schwester Nilma Abschied nehmen. Nilma Knupp, eine lang-
jahrige Diabetikerin, ist nach einer Beinamputation am 8 9.2006 in Nova
Friburgo verstorben.
Jorge Knupp hat mir die Stadt Nova Friburgo so beschrieben Am 16 Mai
1818 (Jahrestag) wurde Nova Friburgo gegründet. Zwischen 4 Nov. 1819 und
8. Februar 1820 erreichten die Schweizer (unsere Vorfahren am 15.12.1819)
Brasilien Nova Friburgo ist eine durchschnittliche Provinzstadt, eine sehr
schone Stadt, früher war sie ruhig und klein (1950, 29'258 Einw.). Fleute ist es
immer noch friedlich, aber eher unruhig durch den Verkehr in der inzwischen
grossen Stadt. Die Stadt hat 180'000 Einwohner (im Jahr 2000) und liegt 135
km von Rio de Janeiro entfernt Fur die Fahrt mit dem Bus oder Auto von Rio
de Janeiro auf das 850 Meter u. M. gelegene Nova Friburgo, kurz «Nova» ge-
232 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
nannt, braucht man zwei Stunden. Dabei muss man einen rund 1000 Meter
hohen Pass uberwinden. Der Weg fuhrt durch bewaldete Hügel mit tropischen
Gewachsen und schroffen Felsen mit steilen Kurven. Die Stadt ist in einer
Talsenke angesiedelt und die Quartiere stehen zum Teil auf steilem Gebiet Im
Centro von Nova Friburgo haben viele Wirte ihrem Restaurant/Hotel einen
Schweizer Namen gegeben und verwohnen die Gaste gerne mit einem Fondue.
Man findet in «Nova» auch eine Kaserei-Schule und ein Schokoladenhaus. So
erfahrt man auch, wie in der Schweiz die Schokolade und der Kase (Fondue)
hergestellt wird Es gibt auch ein «Willisau Center» (Cafe, Mobeigeschaft, Coif-
feur-Laden und Restaurant) und eine Casa Suiga (Schweizer Haus), ein Museum,
das die Geschichte von Nova Friburgo zeigt. Es ist ein langes, weisses
Gebäude und wurde 1996 eröffnet. Es muss ein Erlebnis sein das Museum zu
besichtigen Auf einer hohen Stele stehen alle Namen der Familien, die damals
1819 das Abenteuer gewagt haben. Daneben ist die «Kammer» rekonstruiert,
in der die Auswanderer ihre letzte Nacht in der Heimat verbracht hatten Des
Weiteren sind Objekte ausgestellt, wie sie die Emigranten wohl in ihrem
Gepäck mitfuhrten (Stoffballen, Gebetbucher, Spielzeug, Haushaltgegenstande).
Fur unseren brasilianischen Vetter sind diese Gegenstande, die nur noch fur
einen Trödler Wert zu haben scheinen, zu echten Schätzen geworden. Wunder
über Wunder; man kann sie sogar betasten und in die Hand nehmen. So
berichtet Martin Nicoulin, der bei der Eröffnung des Museums in Nova Friburgo
im August 1996 dabei war Der Höhepunkt aber ist die rote Erde Brasiliens
(Nova Friburgo) und die schwarze Erde der Schweiz (Freiburg), in einem
hölzernen Behälter vereint «Zwei Schollen, doch ein einziges Herz». Auch am 1.
August 1996, dem Schweizerischen Nationalfeiertag, war er dabei, als die
Schweizer die Käserei «Casa Suica von Nova Friburgo» eingeweiht haben.
In Nova Friburgo leben viele Nachkommen der Schweizer Auswanderer. Ein
weiterer Grund, weshalb die Stadt ruhig, konservativ und verschlossen ist Am
Anfang hatten die Schweizer grosse Sprachprobleme, sie beherrschten die
portugiesische Sprache nicht, zogen sich zurück und blieben ruhig im Hintergrund.
In seinen Erzählungen erwähnte Jorge Knupp, in Brasilien seien die
Knupp uberall verbreitet, in der Stadt sowie auf dem Land, Nachkommen von
zwei Brüdern, die 1819 ausgewandert sind. Wenn man alle Knupp in Brasilien
erforschen wollte, wurde das den Rahmen sprengen.
Nova Friburgo hat 1819 zu Canto-Gallo gehört. Cantagalo (früher Canto-
Gallo) bedeute auf Deutsch „Krahhahn". Cantagalo ist eine kleine Stadt von
ungefähr 40'000 Einwohnern und liegt 30 km von Nova Friburgo entfernt. Auch
in Cantagalo hat es viele Nachkommen aus der Schweiz. Das Land zwischen
Nova Friburgo und Canto-Gallo ist eine grüne Talschaft. Man findet auch heute
noch Kaffeeplantagen, die sich in Privatbesitz befinden. Die Landschaft in
Anita Weibel-Knupp 233
Abb. 8: Bekannte Namen im ungewohnten Abb. 9: Cantagalo 1860 von J.J. von Tschu-
Umfeld. Noch heute sind typische Schweizer- di, im Vordergrund das Fiotel Friaux,
Familiennamen in Nova Friburgo verbreitet, Freiburg, Kantons- und Universitätsbibliothek
wie Knupp, Flotz, Stutz, Klein usw. Foto v. (M. Nicoulin)
Jean-Luc Brülhart
St. Pedro ist paradiesisch, aber sehr arm. Die Bauern pflanzen Wurzelgemüse
und Bananen an, verdienen aber damit zu wenig, um eine grosse Familie zu
versorgen. Jene, die ein Haus erben konnten, sind besser dran, sie können
neben der Landwirtschaft eine Privatpension führen. Viele Menschen sind
blond mit blauen Augen, da sie schweizerische und deutsche Vorfahren haben.
Die Einwohner in St. Pedro machen sich keine allzu grossen Gedanken über
Abb. 6: Willisau-Centerangrenzend an die Abb. 7: Queijaria Escola de Nova Friburgo",
Heilpädagogische Schule. Die Stadt ist SchweizerMuseum derEinwanderer.
vernetzt: Kilometerlange Strom- und Telefonkabel Die Käseschule und Käserei„Käsehaus"
prägen das Stadtbild, Foto von Jean-Lue Brülhart.
234 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
ihre Herkunft und Wurzeln. Sie haben andere Sorgen, als das Erbe der Vorfahren
zu pflegen. Anders ist es in den oberen Schichten, in Nova Friburgo und
Cantagalo; das Interesse und Forschen nach den Schweizer Vorfahren ist sehr
gross, und wird gar als Hobby betrieben.
Brasilien ist ein schönes Land, es gibt jedoch nur wenig reiche Leute, der
grösste Teil der Menschen ist arm. In den engen Ballungsräumen der Stadt
prallen soziale Gegensätze aufeinander, während die Mittel- oder Oberschicht
in Appartementhochhäusern oder luxuriösen Villen leben. Diese Welten trennt
oft nur eine Strasse, Kriminalität entsteht auf Grund sozialer Not. Die Steuern
sind sehr hoch und der Verdienst nicht gerade rosig, trotzdem sind die
Menschen fröhlich. Durch Brasiliens geografische Lage auf der Südhalbkugel
erscheinen die Jahreszeiten umgekehrt: Der Hochsommer fällt auf die Zeit
zwischen Dezember und Februar, während der meist milde Winter zwischen Juni
und August stattfindet. Für Einreisende aus der Schweiz, Österreich oder
Deutschland ist der Aufenthalt in Brasilien für 90 Tage visumfrei.
Es ist für einen portugiesisch-brasilianischen Professor mit Schweizer
Abstammung spannend, mit Spürsinn die eigene Ahnenreihe Glied um Glied zu
erforschen. Doch kann es für mich ebenso interessant sein, die Auswanderergeschichte
der Schweizer nach Brasilien, und zwar speziell jene der Knupp in
den Jahren 1818/1819, als Nova Friburgo bei Rio de Janeiro gegründet wurde,
zu dokumentieren. Ebenso wertvoll sind die vielen Familiendaten der Knupp
und deren Nachkommenschaft der Auswanderer, welche nun in Brasilien ihre
Wurzeln haben. Jorge Knupp ist also seiner Sippe nachgegangen, und ich habe
erlebt, wie aus einer Familienlegende Schritt für Schritt Familiengeschichte
wurde. Die Geschichte der Knupp- Auswanderer zieht sich über mehrere
Generationen hinweg. Ich konnte immer neue Erkenntnisse über die Lebensweise
und den Charakter unserer Vorfahren aus Brasilien aufdecken. Es waren nicht
nur „gute Zeiten", die diese Familien erlebten! Die Familienforschung bringt
uns oft Schicksale näher, die man sonst vergessen würde. Ich habe die
Familiendaten (Tafel 7 a-e, Brasilien) der Nachkommenschaft der Knupp-Auswan-
derer zusammengestellt und die geschichtlichen Aspekte Brasiliens und der
Schweiz der damaligen Zeit sowie die heutige Lebensweise unserer Auswandererfamilie
Knupp verfasst. Diese Geschichte hat ihren Niederschlag in verschiedenen
Kapiteln und Abschnitten der Familiengeschichte unserer Vorfahren aus
Brasilien und bringt den Ausgewanderten die eigene Heimat näher. Die
Beziehungen zwischen den Daheimgebliebenen und den Ausgewanderten scheinen
nun wieder lebendig.
Der Geschichte der schweizerischen Auswanderung nachzugehen, sei dies
aus historischer oder familienkundlicher Sicht, war einer der spannendsten
und aufregendsten Komponenten bei der Erstellung meiner Ahnen-, Vorfah-
Anita Weibel-Knupp 235
ren- und Nachfahrenlisten und -tafeln. Dabei ging es mir nicht darum, einen
„reichen Onkel in Brasilien" ausfindig zu machen, sondern vielmehr darum, die
unbekannten Verwandten und deren Familiengeschichte im anfangs noch
unbekannten Brasilien aufzuspüren, sie zuerst in die eigene Forschung einzube-
ziehen und ihnen spater vielleicht sogar in einem Verwandtschaftstreffen
persönlich begegnen zu dürfen, was dann ja auch geschah.
Ich selbst erlebte, dass die Nachkommen unserer ausgewanderten Knupp
grosses Interesse an unserer Familiengeschichte zeigen, um ihre Wurzeln neu
aufzuspüren.
Die Reise ins Ungewisse
Entscheid fürs Leben
Ruckwanderer gab es nur wenige, wie z B Flerr Flecht aus Willisau. Wer
nach Brasilien oder Wisconsin auswanderte, war oft vier oder fünf Monate
unterwegs. Die Uberfahrt wurde zur einschneidenden, schicksalshaften Erfahrung,
und war oft die erste und einzige grosse Reise im Leben der Betroffenen
Die meistbefahrene Route führte von Basel auf Rheinschiffen zu einem
holländischen Flafen (10 bis 25 Tage). Von Rotterdam oder Dordrecht segelten
regelmassig Passagierschiffe nach den nordamerikanischen Flafen. Alternative
Uberlandroute via Paris nach Le Flavre (ab Basel rund 20 Tage) oder via Genf
nach Marseille (10 bis 20 Tage), von dort segelten sie nach nord- und
sudamerikanischen Flafen Bevorzugte Ziele in Sudamerika waren Brasilien und Argentinien
(Ostkuste und Andenrand).
Fiolle im Zwischendeck: Die Grosszahl reiste als Billigpassagiere im
Zwischendeck, in stickigen und lichtlosen Grosskabinen. Segelschiffe nahmen bis
250, Dampfer bis 800 Reisende auf. Die Verhaltnisse erinnerten an die
Schlepperpraktiken, an völlig unzureichende hygienische Verhaltnisse und mangelnde
Ernährung Bei den Seglern blieben die Luken, die aufs Deck führten, bei
Sturmwetter geschlossen; also hatten sie manchmal wahrend Tagen, ja
Wochen, keinen Zugang zu den Toiletten und Kocheinrichtungen, die sich dort
befanden. Ansteckende Krankheiten verbreiteten sich rasch, die Mangelerkrankung
Skorbut forderte viele Opfer. Im 18. Jahrhundert starben wahrend
der Uberfahrt oft zehn bis zwanzig Prozent der Passagiere. Das Schreiben des
Kufers Wyss zeigt, dass auch die ersten Tage nach der Landung viele Todesopfer
forderten. Die Strapazen der Uberfahrt und das ungewohnte Klima am
Bestimmungsort forderten ihren Tribut.
236 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Segeln oder Flucht?
In gewissem Sinne übernahm die Auswanderung die Rolle des Solddienstes,
der für die Schweiz nach den Napoleonischen Kriegen an Bedeutung verlor.
Befürworter machten denn auch für beide Möglichkeiten ähnliche Argumente
geltend: Sie absorbierten überschussige Arbeitskräfte, kanalisierten die
jugendlichen Abenteurer und entlasteten die Fürsorgeeinrichtungen. Tatsächlich
schoben um 1819/1860 manche Gemeinden bedürftige Familien regelrecht ab,
indem man für sie die Fahrtkosten ganz oder teilweise übernahm. Umgekehrt
beklagten Gegner des Solddienstes wie der Emigration, es gingen dem Land
dynamische und unternehmungslustige Bürger und Bürgerinnen verloren. Das
schwächte nicht nur die eigene Wirtschaft, sondern auch Vaterlandsliebe und
Fieimattreue. Schon um 1750 erschwerten die Berner oder Zürcher Behörden
die Auswanderungen mit „Abzugssteuern" oder durch Sperren der nötigen
Papiere.
Im Rückblick lässt sich trotzdem ein günstiges Fazit ziehen: Die Auswanderungen
brachten technisch-wirtschaftliches Know-how durch Rückwanderer
(Zuckerbäcker, Melker, Baumeister kehrten mit neuen Kenntnissen zurück);
förderten den Export (Agenturen und Vertretungen für Uhren-, Musikdosenoder
Seidenindustrie); belebte den allgemeinen politischen und kulturellen
Austausch.
Weshalb sind sie ausgewandert? Das Gespräch mit dem Tessiner Maurer
Durini oder dem Brief von Johann Büchler zeigt deutlich: Man wanderte aus,
weil man zu Hause keine Arbeitfand. Eindeutiger Beleg, der Rekord des Jahres
1883 von rund 15'000 Abreisenden. Damais trieben billige Nahrungsmittelimporte
per Bahn (Gotthard 1882 eröffnet) viele Kleinbauernbetriebe in den Ruin.
Im 18. Jahrhundert waren es religiöse Grunde; Täufer zogen nach Deutschland
oder Nordamerika, weil die Behörden ihre Religion verboten. Flugblätter
versprachen fruchtbare Ländereien zu gunstigen Preisen; die Nachricht vom
schnellen Reichtum und von Goldfunden lockten Abenteuerlustige.
Unter den ersten Deutschschweizer Kolonisten waren viele Täufer. Briefe
und Tagebücher berichteten von Strapazen und vom Fleimweh, aber auch von
der Faszination eines Neuanfangs.
Dies führte zur Gründung von Nova Friburgo, im Staat Rio de Janeiro, die
von der brasilianischen Regierung in direkter Zusammenarbeit mit den Behörden
der Stadt Freiburg organisiert worden war. Die portugiesische Kolonie
musste bevölkert werden.
Durch die Auswahl des unfruchtbaren Siedlungslandes schlugen etliche
Anstrengungen fehl, so dass nur wenige Familien auf ihren ursprünglichen
Siedlungen in Nova Friburgo verblieben. Sie haben dem Gastland einen nicht minder
grossen Dienst erwiesen, indem sich ihre Flartnäckigkeit, ihr fachliches
Anita Weibel-Knupp 237
Können und vor allem ihre landwirtschaftliche Erfahrung in den verschiedensten
Teilen des Landes auswirkten und anderen als Vorbild und Ansporn dienen
konnten. Die von privater Seite, ausgesprochenen dilettantisch, organisierten
Siedlungsaktionen waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wenn sich
ein einzelner Siedler dennoch durchsetzen konnte, so verdankte er das seiner
unerhörten Standhaftigkeit sowie physischen und moralischen Widerstandskraft.
Den schweizerischen Siedlungen fehlte aus den angetönten Gründen die
Beständigkeit. Sie sind infolgedessen im brasilianischen Volkstum völlig
Der Gebrauch der Muttersprache, unverfälschter Luzerner Dialekt
aufgegangen.
oder andere Mundarten, verlor sich sehr bald in der zweiten Generation, was
angesichts der Umstände begreiflich ist. Einige Kolonien jedoch hatten es dank
ihrer kulturellen und religiösen Geschlossenheit verstanden, das Schweizertum
in ihrem Bewusstsein und sogar noch weitgehend in der Sprache zu erhalten.
Die dritte oder gar vierte Generation verstand zum mindesten noch
Schweizerdeutsch. Das hinderte sie jedoch nicht, treue und staatsbewusste brasilianische
Bürger zu sein. Von den Schweizerfamilien, die 1819 in Brasilien
eingewandert waren, blieben in Nova Friburgo nur zwölf Familien, darunter Joseph
und Johan Knupp mit ihren Familien. Krankheiten, Fleimweh und ungenügende
Lebenstüchtigkeit im harten Daseinskampf verringerten derart ihre Zahl. Neue
Schweizer Einwanderer und vor allem eine für uns heute unglaubliche Fruchtbarkeit
der Familien ergaben bis zum heutigen Tag eine stattliche Zahl. Geheiratet
wurde anfänglich in der Regel nur unter den Schweizern, die sich durch
weitere Zuwanderungen vermehrten. Dadurch wurde damals noch lebendige
Schweizer Tradition gewahrt. Mit der Zeit vermischte sich durch Heirat das
schweizerische mit dem brasilianischen Blut.
Der entscheidende wirtschaftliche Aufstieg erfolgte im Jahre 1888/89, als
die Sklaverei aufgehoben wurde und eine Wirtschaftskrise das Land heimsuchte.
Viele Familien erfassten die Situation, indem sie ihre Ersparnisse
zusammentaten und Land in den benachbarten Orten kauften. Dank ihrer ungebrochenen
Arbeitskraft und ihrer aussergewöhnlichen Tüchtigkeit konnten sie
weiter Land dazu kaufen. Bei allem Wohlstand - es gab einige Frankenmillionäre
unter ihnen - haben sie ihre schweizerische, schlichte Einfachheit bewahrt,
die nicht diesen Reichtum vermuten Hess.
Welches waren die Faktoren, die jene erstaunliche kulturelle Konstanz
bewirkte? Ais solche standen im Vordergrund: Gleichheit der Sprache, der Tradition,
der Religion, der Arbeit (Landwirtschaft), Bande des Blutes, Institutionen
wie Schützengesellschaft (Schützenfest), Gesangsvereine, Blechmusik, Feste
wie Fastnacht und 1. August. Fleute ist die Stadt „Nova Friburgo" ein
vielbesuchter Luftkurort in der sogenannten brasilianischen Schweiz.
238 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Unsere Vorfahren finden in Brasilien eine neue Heimat
Joanes und Joseph Knupp mit ihren Frauen und Kindern (17 Personen)
zogen im Jahre 1819 weg.
Die grosse Auswanderung von 1819 musste die Folge von katastrophalen
Verhängnissen gewesen sein Es herrschte zu jener Zeit verschiedenenorts im
Luzernerland Aufbruchstimmung. Auswanderung nach Brasilien war Flucht
vom Vaterland und nicht die einfachste Losung Aus dem Amt Willisau verlies-
sen 78 Personen ihre Heimat und ubersiedelten nach Sudamerika
Wer heute unser Land verlasst, um im Ausland fur kürzere oder längere Zeit
zu arbeiten, kann das mit verhältnismässig geringem Aufwand tun. Bahn und
Flugzeug bringen jeden Reisenden mit mehr oder weniger Gepäck spielend in
ein anderes Land. Vor 200 Jahren war das noch etwas anders. Die erhaltenen
Dokumente geben uns einen verhältnismässig guten Einblick über dieses
waghalsige Unterfangen. Eine Gruppe von ungefähr 2000 Personen verliess das
Land und ubersiedelte nach Brasilien. Sie verteilten sich auf den sieben
Auswanderer-Schiffen. Das Schiff der Luzerner hiess Heureux-Voyage mit 442
Passagieren, darunter waren 140 Luzerner. Es gab 43 Tote, wovon 13 Personen
aus dem Kanton Luzern waren. Der Strom der Auswanderer wurde von
Freiburg aus gelenkt, weshalb sich die Kolonie in Brasilien Nova Friburgo nannte.
Es war eine organisierte, aber beschwerliche Reise
Die Schweizer Kantone suchen Siedler
Im Marz 1808 Hess sich der portugiesische Hof in Rio de Janeiro nieder. Am
18 Mai 1817 reiste Sebastien-Nicolas Gachet im Auftrag der Freiburger Regierung
nach Rio de Janeiro, um über die Gründung einer Schweizer Kolonie zu
verhandeln. Am 2. Mai 1818 anerkannte Konig Joäo VI. die schweizerische
Neutralltat und ernannte Jean-Baptiste Bremond zum portugiesischen und
brasilianischen Generalkonsul in der Schweiz. Am 16. Mai 1818 ratifizierte Konig
Joäo VI den Kolonisierungsvertrag (Jahrestag und Gründung von Nova
Friburgo) Am 23. Oktober 1818 zeigte sich die Freiburger Regierung erfreut
über die Ergebnisse der in Rio geführten Verhandlungen. Sie dankte Gachet,
ratifizierte den Kolonisierungsvertrag und beschloss, sich an der Schweizer
Emigration nach Brasilien zu beteiligen Nun rief die Freiburger Regierung zur
Einschreibung auf. In Absprache mit dem neuen portugiesisch-brasilianischen
Konsul Bremond setzte sie das Freiburger Kontingent auf 700 Personen fest.
Man suchte Auswanderungswillige mit Sätzen wie diesen zu uberzeugen- „Ein
gepflanzter Kohlkopf bringt einen neuen Kohl hervor. Es gibt zwei Kartoffelern-
Anita Weibel-Knupp 239
ten im Jahr." Solche Aussagen setzten sich in den Köpfen fest und beflügelten
die Fantasie. Hungersnot und Elend waren offenbar unbekannt in Brasilien. Am
10. November 1818 bot Konsul Bremond den Kantonen Bern, Wallis, Aargau,
Luzern, Solothurn und Schwyz an, sich an der Kolonisierung zu beteiligen. Seine
Versprechungen fanden überall offene Ohren, und so hatten er und Gachet
keinerlei Mühe, die von ihnen insgeheim festgelegte Zahl von 2000 Personen
zu erreichen. So stapften im Januar und Februar 1819 zahlreiche Familienväter
und ledige Männer durch den Schnee, um sich in den Oberämtern als Kandidaten
für Brasilien anzumelden (darunter befanden sich auch unsere Vorfahren,
Joanes und Josephus Knupp). Sie wollten die Schweiz verlassen, weil sie ihren
Kindern ein Leben ohne Hunger und Not bieten wollten, weil sie ein besseres
Schicksal wünschten und weil sie von Reichtum, Abenteuern oder einem neuen
Vaterland träumten. Die Frauen folgten freiwillig oder unfreiwillig ihren
Ehemännern; manche entflohen einer Ehehölle, wollten mit ihrem Geliebten vereint
sein oder suchten ihre Würde wiederzuerlangen. Wie die Herkunftsorte
der Auswanderer erkennen lassen, bekannten sich 90 % zum katholischen
Glauben. Die Protestanten bildeten eine kleine Minderheit. Je zur Hälfte setzten
sich die Siedler aus Bauern und Handwerkern zusammen. Die ersten
Einwohner von Nova Friburgo konnten lesen und schreiben und vermochten ihren
vollen Namen unter ein Dokument zu setzen.
Die Auswanderer nach Kantonen: Freiburg 830, Bern und Jura 500, Wallis
160, Waadt 90, Neuenburg 5, Genf 3, Aargau 143, Solothurn 118, Luzern
140, Schwyz 17 Total 2006
Im April 1819 organisierte Jean-Baptiste Bremond im Einverständnis mit der
Freiburger und Berner Regierung die Flussreise von der Schweiz zum holländischen
Meerhafen. So wurde die Reise bis Holland organisiert, der Preis festgelegt
und für den Komfort der Reisenden Bänke und Tucher bereitgestellt. Die
Kantone ernannten Kommissare, die sich um die Finanzen kümmerten, fur
Ruhe und Ordnung sorgten und den ganzen Ablauf uberwachten. Am 3. Mai
1819 wurde Sebastien-Nicolas Gachet zum ersten Schweizer Konsul in Rio de
Janeiro ernannt. Er sollte die Interessen der Siedler in der neuen Heimat
vertreten. Weiter wurden auch Führungskräfte für die neue Kolonie gesucht sowie
ein Pfarrer, Ärzte, Tierärzte, Apotheker und Lehrer. Die Brasilianer, wie man sie
nannte, bereiteten sich auf eine Reise ohne Rückkehr vor. Sie verkauften ihre
Hauser, ihre Grundstücke und ihr Vieh. Manche begnügten sich damit, ihr Gut
in Pacht zu geben. Sie verschafften sich Taufscheine und packten ihre Koffer.
Das Gepäck der Auswanderer (die Siedler wurden aufgeteilt auf sieben Schiffe)
kam auf ein separates achtes Schiff „TRAJAN". Am 14. Juni gab Freiburg die
letzten Instruktionen an die Siedler.
240 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Die Zeit von Luzern nach Laufenburg - Basel - Holland
Im Februar 2000 kontaktierte ich den Willisauer Historiker Eugen Meyer-
Sidler. Er wies mich auf den Bericht über die Auswanderer nach Brasilien hin.
Josef Anton Hecht aus Willisau, der 1819 nach Südamerika ausgewandert ist,
kehrte schon im Dezember 1822 wieder zu seiner Familie nach Willisau zurück.
Wie ich dem Bericht entnehmen konnte, hat die Hohe Regierung des Kantons
Luzern den 11. Juni 1819 festgelegt. Die gemeldeten kantonsangehörigen
Auswanderer nach Brasilien mussten sich in Luzern versammeln. Am 10. Juli
morgens um 2 Uhr verliessen die 17 Personen der Familie Knupp Grossdietwil.
Sie kamen am 11. nachmittags in Luzern an, wo jeder logierte, wie es ihm
gefiel. Sie erhielten den Befehl: „Morgens um 7 Uhr müssen alle Kolonisten mit
ihren nummerierten Kisten fort ...". Tags darauf machten sich 140 Kolonisten
aus dem Kanton Luzern zur Abfahrt mit dem Schiff bereit. Am 12. Juli verliessen
sie Luzern und fuhren am gleichen Tage bis nach Laufenburg (die Reuss
und die Aare waren damals noch bis zur Rheinmündung schiffbar). In Laufenburg
mussten sie acht Tage auf Schiffe aus Basel warten.
Am 20. endlich konnten sie Laufenburg verlassen und kamen am gleichen
Abend in der Stadt Basel an. Sie waren tropfnass, denn sie hatten während
eines heftigen Regenwetters auf dem Schiff kein Obdach, was einen ziemlich
traurigen Abschied von der Schweiz hinterliess. Wer Geld hatte, logierte in
einem Wirtshaus, und wer keines mit sich brachte, musste seine Lagerstätte
auf Stroh einrichten. Auch hier blieben sie wieder 2 % Tage. Jede Person erhielt
täglich 1 Vx Pfund Brot. Hier trafen die Luzerner auch die übrigen Schweizer
Kolonisten an, die Walliser, Solothurner, Aargauer und Schwyzer, nur die
Kolonisten von Freiburg waren schon abgefahren. Am 23. Juli fuhren die Auswanderer
in Basel ab und erreichten Dordrecht (Holland) am 4. August. Das Schiff
war ordentlich eingerichtet, mit sehr guter Bedeckung; hinten auf dem Schiff
konnte man kochen.
Aufenthalt zu Dordrecht
In Dordrecht mussten die rund 2'000 Schweizer Kolonisten ein Logis
ausserhalb oder innerhalb der Stadt suchen, bis die grossen Meerschiffe verproviantiert
und in Stand gesetzt waren. Die Auswanderer lebten in Zelten oder in
Schuppen. Die lange Wartezeit an malariaverseuchten Flussufern wurde ihnen
zum Verhängnis. Viele erkrankten und verloren ihre Widerstandskraft für die
lange Meerfahrt. Hier sahen die Auswanderer den Anführer Nikiaus Gachet
zum ersten Mal. Endlich nach sieben Wochen fuhren sie weiter, bis Amsterdam
und Den Heldeer, wo sie am 29. September ankamen.
Anita Weibel-Knupp 241
Abb. 10: Lager
derSchweizer
Auswandererin
Mirjl (Dord-
recht-Holland)
Aquarell von
Isaak Schoum-
ann Dordrecht
Gemeindearchiv
Holland - Rio de Janeiro
In Den Heldeer wurden sie in den grossen Meerschiffen einquartiert: 442
Personen befanden sich mit den Luzern auf dem Schiff „Heureux Voyage", so
auch die Walliser, Solothurner, Pruntruter sowie Männer aus Bern. Am Sonntag
den 10. Oktober fuhren sie hinaus aufs Meer und erreichten am 15.
Dezember Rio de Janeiro. Sie waren also fünf Monate unterwegs, davon 66 Tage
auf dem Meer. Nicht lange, nachdem sie den Ärmelkanal passiert hatten,
verloren sie das Land aus den Augen. Es war ein sonderbarer Anblick, oben nur
der blaue Himmel und unter nichts als grünes Wasser. Ein ungemein günstiger
Wind ging, der so stark in die Segel blies, dass es unmöglich war, die schnelle
Fahrt des Schiffes auch mit dem schnellsten Laufe eines daher rollenden
Wagens zu vergleichen. Als das Schiff anfing, stärkere Bewegungen zu machen,
waren die Kolonisten nach und nach von der Seekrankheit betroffen, die gegen
drei Wochen dauerte. Auf dem Schiff wurde das erste Mal für die Auswanderer
gekocht. Sie bekamen Bohnen und eingesalzenes Fleisch, gekocht mit
Meerwasser. Bezüglich der Reinigung auf dem Schiff wurde strengste Ordnung
eingehalten. Das Schlafgemach befand sich im Schiffsbauch. Ach, was sie des
Nachts ausstehen mussten, da war ein Dunst, eine fürchterliche Wärme und
allerhand Gestank, so dass sie zu ersticken glaubten. Man stelle sich einen
recht langen Kasten vor, darin keine Fenster, nur zwei „Stiegenlöcher", die aber
geschlossen wurden. Da lagen Junge und Alte durcheinander, Kranke und
Gesunde. Jämmerliches Kindergeschrei ertönte von hinten, von vorne, von allen
Seiten. Auf dem Schiff gab es auch Läuse; die Passagiere erhielten also Besuch
von kleinen Schmarotzern, gegen die alle Reinlichkeit nichts brachte. Aber man
war untereinander auch sehr fröhlich, tanzte und sang auf dem Schiff. So ging
es fast täglich lustig und fröhlich zu und her. Auf dem Schiff befand sich ein
Mann mit Frau und zwei Kindern, der lang vorher Soldat in Holland gewesen
war; sobald er seine Pfeife oder Flöte hervor holte, waren die Auswanderer
242 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
wieder zufrieden. Bei schönem Wetter und gunstigem Wind hatten die Matrosen
nichts anderes zu tun als zu essen, zu trinken und sich mit den Weibsbildern
herumzuschlagen. Am Sonntag hielt der Priester eine Predigt und betete
mit dem Volk den Rosenkranz. Selbst wenn sterbende Menschen unten im
Schiff waren, ging es auf dem Schiffsdeck „mutwillig" zu. Solches Volk konnte
wahrlich nur durch ein Unglück zu besserer Gesinnung gebracht werden - was
dann auch geschah!
Ein heftiger Sturm auf dem Schiff
Die ganzen vier Wochen seit der Abfahrt von Den Heldeer hatten die
Auswanderer auf dem Schiff „Heureux-Voyage" herrliches Wetter und sie waren
unter einem gunstigen Wind weit vorangekommen, so dass sie am 4. November
die portugiesische Insel Madeira zu Gesicht bekamen. Sie feierten das Fest
des heiligen Karl zu Ehren des solothurnischen Kommissars. Der Solothurner
liess dem Kapitan ein Gastmahl und den Kolonisten eine „Bouteille" Wein bringen.
Etwa 200 Personen waren auf dem Schiffsdeck. Das Schiff fuhr schnell -
gegen 32 Segel waren gespannt. Plötzlich drehte der Wind auf Sturm. Eine Bo
brach den Hauptmast, der bei seinem Fall die gesamte Takelage herunterriss.
Manner, Frauen und Kinder schrien, beteten und weinten. Dem Kapitan gelang
es das Schiff zu stabilisieren Am Morgen nach dem Sturm trat wieder Windstille
ein und die Schweizer Zimmerleute halfen bei der Behebung der Schaden.
Schon nach acht Tagen waren die Mastbaume wieder aufgerichtet, die Segel
neu gespannt und sie konnten die Reise fortsetzen.
Streit unter den Kolonisten
Ein weiteres Erlebnis auf dem Schiff war, dass ein Walliser und ein Schwyzer
heftig miteinander stritten. Ein Solothurner kümmerte sich um den Walliser,
der betrunkene Schwyzer wurde vor den Kapitan zitiert. Der Kapitan sprach ein
Machtwort und verurteilte den Schwyzer zu 50 Stockhieben. Dieser musste die
Strafe erdulden, beteuerte jedoch seine Unschuld und lehnte es ab, sich zu
entschuldigen Das Urteil wurde sogleich vollzogen. Ein Steuermann band dem
Angeklagten die Hände zusammen und vor aller Augen wurde er an einem Seil
emporgezogen. Zwei Steuermanner mussten ihm mit einem Stock die 50
Schlage erteilen. Von beiden Seiten wurde er geschlagen, dass ihm die Wangen,
Ohren, ja alle Korperteile aufschwollen Wie sich nachtraglich herausgestellt
hat, war tatsachlich der andere schuld. Der Schwyzer erhielt nun acht
Tage lang freies Getränk.
Anita Weibel-Knupp 243
Die ersten Toten
Nicht alle Personen waren von gesunder Natur, so dass einige davon starker
an der Seekrankheit litten und, durch Durst und Warme gequält, einem
raschen Tod erlagen. Zuerst starb eine Frau aus dem Wallis, die ihrem Mann
sechs Kinder hinterliess und wahrend der Krankheit noch ein Kind gebar. Ein
Tag nach der Geburt war sie sehr schwach, so dass der Arzt es fur besser fand,
wenn man sie in ein Bett an die frische Luft, auf das Deck bringen wurde. Die
Landesleute wollten keinen Platz machen. Da kam der Steuermann und ein
Matrose und sie sagten mit rauer Stimme- „Ihr Leute, macht Platz, oder wir
schmeissen euch ins Meer hinaus, wollt ihr nicht einer sterbenden Person
einen ruhigen Platz gönnen, ihr Hunde, wollt noch katholische Christen sein -
schone Bruderliebe". Morgens um 10 Uhr brachte man sie auf das Schiffsdeck
und nachmittags um 3 Uhr starb sie. Man wickelte sie dann in ein Leintuch ein,
welches zugenaht und 15 Stunden auf dem Platz gelassen wurde Morgens um
6 Uhr kam der Steuermann und befahl, die verstorbene Frau auf die rechte
Seite zu bringen, damit man sie ins Meer versenken könne. Dann rief der Priester
das Volk zusammen und betete Nun liess man den Leichnam, mit den Fussen
voraus, in das Meer gleiten. So wurde es stets gehandhabt, keiner entrann
den Haifischen. Nach dem Tod dieser Frau starb ein Knabe von 16 Jahren, bald
da ein Kind, bald dort ein Mann oder eine Frau.
Anz. Tod vor und aufdem In Macacu
Ort Total in %
Auswanderer in Holland Meer Brasilien
Freiburger 830 28 185 19 232 27,95
Berner 500 8 62 4 74 14,8
Walliser 160 4 18 1 23 14,38
Waadtlander 90 1 8 1 10 11,11
Neuenburger 5 - -
Genfer 3 -
Aargauer 143 1 10 3 14 9,79
Solothurner 118 - 12 4 16 13,56
Schwyzer 17 3 - 3 17,65
Luzerner 140 1 13 3 17 12,14
Total 2'006 43 311 35 389 19,3
Tab 1 Statistik der verstorbenen Auswanderer (Nach Martin Nicoulm)
244 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Schiff Anzahl Passagiere Tote in %
Urania 437 107 24,49
Daphne 197 31 15,74
Debby-Elisa 233 25 10,73
Elisabeth-Marie 228 19 8,33
Deux-Catherine 357 77 21,57
Camillus 119 9 7,56
Heureux-Voyage 442 43 9,73
Heureux-Voyage (Glückliche Reise)
Schiffder Luzerner 442 43 9,73
Luzern 140 17
AmtWillisau Tod festgestellt
Name, Vorname Alter Begraben
Ortschaft
Fischbach MarfurtAnna 2J 05 10 1819 ins Meerversenkt
Grosswangen Huber Elisabeth 12J 22 10 1819 ins Meerversenkt
Huber Maria 5J 22 10 1819 ins Meerversenkt
Huber Marianna 42J 24 01 1820 in Macacu
HuberJost 17J 27 04 1820 in Nova Friburgo
LuterbachJohann 54J 18 08 1819 in Dordrecht
Menznau Jung Melchior 42J 12 10 1819 ins Meerversenkt
Hunkeler Rosa 6J 01 11 1819 ins Meerversenkt
Hunkeler Barbara 1J4J 15 01 1820 in Nova Friburg
HunkelerAnne-Marie 37J 16 01 1820 in Nova Friburg
HunkelerJosef 1703 1820 in Nova Friburg
MeyerJosette 50J 05 03 1820 in Macacu
MeyerAnna 8J 27 04 1820 in Nova Friburgo
Schotz ButtlerElisabeth 6J 17 01 1820 in Nova Friburgo
ButtlerMarianna 5J 1704 1820 in Nova Friburgo
Willisau JostGenoveva 6 Mt 06 12 1819 ins Meerversenkt
Jost Marianne 3J 1401 1820 in Nova Friburgo
WaterwaldAnton 48J 25 10 1819 ins Meerversenkt
Waterwald Maria 15J 28 12 1819 in Nova Friburgo
Waterwald Clara 38J 25 01 1820 in Nova Friburgo
Waterwald Katharina 6J 25 02 1820 in Nova Friburgo
WermelingerJohann 1J 28 11 1819 ins Meerversenkt
(Quelle AlbertoLimaAbib)
Grossdietwil KnupAnton 3 Mt 26 11 1819 ins Meerversenkt
KnupJoseph 54J 03 06 1820 in Nova Friburgo
(Quelle JorgeKnupp NF)
Tab. 2: Sterblichkeit aufden sieben Auswanderer-Schiffen
Anita Weibel-Knupp 245
Land in Sicht
Die Auswanderer waren schon acht Wochen und drei Tage unterwegs, und
noch nirgends zeigte sich eine Insel Das Volk begann zu jammern und wollte
endlich frei sein Am Morgen in aller Frühe erblickten die Schweizer Kolonisten
das Land Brasilien Land' Land' Auf dieses Freudengeschrei hm drängte sich
das Volk hervor Die jüngeren Burschen kletterten rasch die Seile hinauf, und
die Matrosen stiegen auf die Mastbaume, zogen die See- und Landkarte hervor
und mussten mit Schrecken feststellen, dass dieses Land eine unbewohnte
Insel in der Nahe von Brasilien war Der Kapitan gab den Befehl zum
Umschwenken Nach 2 1/2 Tagen erblickten sie wirklich das fur sie bestimmte Land
Brasilien
Als das Schiff in Rio de Janeiro ankam, verbrachten die Siedler die erste
Nacht auf dem Schiff
Um 10 Uhr morgens den 15 Christmonat 1819, warfen sie vor der Haupt-
stadt Brasiliens den Anker Bald erschienen Generale und Stabsoffiziere auf
schon hergerichteten kleinen Schiffen Alle mussten auf das Schiffsdeck steigen
und wurden von diesen gut gekleideten Flerren betrachtet und bemustert Den
ganzen Tag bis tief in die Nacht mussten sie Parade stehen Solch eine Ehre' Sie
wussten nicht, was das bedeutet - ob sie fur die Brasilianer etwas ganz Besonderes
waren, oder ob das üblich war, dass die Einwohner der Flauptstadt,
fremde Menschen recht lange „begafften" Morgens um 1 Uhr hiess es „Alle
auf, auf ihr faulen Gesellen" Sie standen auf, nahmen ihre Siebensachen und
begaben sich wieder auf Deck 20 Schiffe warteten auf die Auswanderer, um
sie fortzufuhren Das Reisegepäck wurde auf besondere Schiffe verladen Nun
wurden die Passagiere direkt vor den Konig gefuhrt, dessen „Lustschloss" auf
einer Insel, etwa zwei Stunden von der Flauptstadt entfernt, lag Als sie nach
einer so langen Reise (10 Wochen) wieder festen Boden betraten, konnten sie
zuerst gar nicht stehen, alle taumelten wie Betrunkene Die Passagiere mussten
die besten Kleider anziehen und paarweise antreten Der Konig sass in
einem grossen Saal seines Schlosses neben seiner Gemahlin, einer osterreichi
sehen Prinzessin (Leopoldine, Erzherzogin) und zwei Prinzen, umgeben von
Ministern Paarweise traten sie vor den Konig und kussten ihm die Fland
Nachher durften sie durch den herrlichen Lustgarten ziehen Die Orangen,
Feigen, Pfirsiche, Kokosnüsse, Ananas etc lachten ihnen entgegen Anschliessend
begaben sie sich wieder zurück auf ihre Schiffe, wo man den Schweizern mit
einer Specksuppe, mit Fleisch und Speck sowie Bohnengemuse aufwartete Im
Licht der Abendsonne bewunderten sie das Panorama der brasilianischen
Hauptstadt mit ihren Kirchen und Klostern Der Empfang war sehr herzlich
„Monseigneur Miranda", Inspektor der Kolonie (der zugleich Bischof war), kam
aufs Schiff und sprach allen Mut zu Zum ersten Mal konnten unsere Vorfahren
Orangen und Bananen essen Zum Trinken gab es Wein und „Cachaca" Am
246 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Abend wurde ein Triumphbogen errichtet mit der Inschrift: „Es lebe der König
von Brasilien und der Herzog Miranda, unser Direktor."
Reise nach dem Bestimmungsort der Stadt Neu-Freyburg
Sobald die Schweizer mit dem Essen fertig waren, bestiegen sie wieder ihre
Schiffe um die Reise fortzusetzen. Es brauste aber ein starker Gegenwind, und
wegen der Flut mussten die Anker geworfen werden. Wiederum mussten sie
über Nacht auf offener See bleiben. Die Lebensmittel gingen zur Neige und die
Kinder hatten schon lange keine gesunde Kuhmilch mehr genossen. Mit dem
Schiff ging es am andern Tag weiter bis nach Tamby. Als die Passagiere an Land
gingen, stellten die Brasilianer fest, dass sie arm, aber robust waren. Schaluppen
brachten die Auswanderer von ihrem Schiff nach Tamby, wo sie glücklich
wieder festen Boden unter den Füssen hatten. Dort erholten sie sich 3 >2 Tage
in Zelten (Quartiere) auf den mitgebrachten Matratzen. Sie fuhren am vierten
Tag einigermassen ausgeruht in Barken den Fluss hinauf bis Magagu (Macacu),
einem grossen Marktflecken mit schöner Kirche und einem Kloster, das zu
einem Spital umfunktioniert worden war, welches Kranke und Sterbende
aufnahm. In diesem Kloster wurden die Kranken zurückgelassen, um hier ihre
Gesundheit, so Gott es will, zu erwarten. Der deutscher Priester, von Liebe zu
diesen Menschen in Elend gedrängt, blieb bei ihnen, um sie zu trösten oder
beim Sterben am Krankenlager auszuharren und sie für die Reise in die Ewigkeit
gut vorzubereiten. Die Gesunden reisten weiter, auf der roten Spur des
Pfades, der durch Tropenwald und Flussbette führte. Sklaven trugen die kleinen
Kinder auf dem Rücken. Mit Ochsenkarren, 30 Wagen mit je sechs Ochsen
bespannt, zogen die Auswanderer ihrem Ziel entgegen.
Die Weiber und die grösseren Kinder sassen in Schubkarren, die Männer
gingen zu Fuss voraus. Die Ochsen wurden von „Schwarzen" geführt. Mit
dünnen mit spitzen Stangen stupften die schwarzen Karrer die Tiere
langen,
erbarmungslos, so dass die Tiere mit herausgestreckten Zungen laufen mussten.
Wenn einer nicht mehr laufen konnte, wurde er ausgespannt und man liess ihn
am Wege krepieren, für die Hunde der Bauern ein willkommener Frass. Mehr
als 1000 m hohe Pässe galt es zu überwinden, bis sie eines Tages Häuser
erblickten, die sich in der Mulde eines Bergtals aneinanderreihten: Nova Fribur-
go! Endlich lag das Gelobte Land vor den Siedlern. Nach einer mühsamen Reise
über Berge, Täler und Bäche, geplagt von Hunger und Durst erreichten sie
nach Zwischenhalten auf verschiedenen Stationen am Nachmittag um 2 Uhr
des 27. Dezember 1819 die schöne, nagelneue Stadt Neu-Freyburg.
Anita Weibel-Knupp 247
Die Stadt Neu-Freyburg
Die Stadt liegt in einem breiten und langen Tal. Als die Luzerner Einwanderer
ankamen, gab es bereits um die 100 neue Häuser, jedes Haus hatte 4 Zimmer
und war mit einem Ziegeldach versehen. 800 - 900 Siedler waren schon
da, darunter die Freyburger, auch Pruntruter und Aargauer. Sie waren neun
Tage vor den Luzernern eingetroffen. Die Einrichtung der Häuser, die Betten,
Tische, Stühle und Bänke mussten sie selber herstellen. Der Berichterstatter
erzählt in den folgenden Seiten von den Mühen und Sorgen der ersten Zeit mit
denen sie zu kämpfen hatten, bis endlich nach einem Monat ihre Kisten und
Koffern mit den Kleidern und Gerätschaften ankamen. Wenn das nur ihr einziges
Elend gewesen wäre, so hätten sie noch zufrieden sein können. Aber ein
Kolonist nach dem andern reiste in das Land der Ewigkeit (auch unser Vorfahre
Josephus Antonius Leodegarius Knupp, geboren am 28.9.1766 in Grossdietwil,
starb am 3. Juni 1820 in der Kolonie). Die plötzliche Veränderung des Klimas
und die Hitze des Sommers (Dezember, Januar und Februar) machten ihnen zu
schaffen. Durch den täglich herabströmenden Regen wurden die ohne Schotter
angelegten Strassen abscheulich zugerichtet. Die Mauern und die Böden der
neuen Häuser waren nicht ausgetrocknet und das Regenwasser fand keinen
Abfluss. Dies alles führte dazu, dass Krankheiten entstanden. Sie rissen so heftig
ein, dass von Anfang an fast der halbe Teil der Kolonisten krank darniederlagen
und innerhalb von drei Monaten schon 100 Personen im kühlen Grab des
neuen Kirchhofes ruhten.
Das Ungeschickteste und Langwierigste war, dass erst gegen Mitte Mai
1820 das Land aufgeteilt wurde und sie fünf Monate Müssiggang treiben mussten.
Jedes Haus, in welchem 16-20 Personen untergebracht waren und eine
Familie bildeten, erhielt durch das Los eine Strecke Land, die eine Stunde lang
und eine halbe breit war. Pro Kopf wurden somit 20 Jucharten Land verteilt;
eine Juchart entspricht rund 33 Aren. Die Kolonisten arbeiteten wacker auf
ihrem Lande, aber der gestreute Samen wollte nicht recht aufgehen. Denn zu
ihrem Unglück hatten sie die Zeit des Säens und Pflanzens verfehlt. Weil die
Gegend sehr hoch liegt, hätte man alles im Oktober oder Dezember anpflanzen
müssen. Das vom König versprochene Vieh und Geld hatten sie auch nicht
erhalten und es schien, als hätte man die Siedler ganz vergessen. Die Kleider
waren zerfetzt und zerlumpt; man konnte weder neue kaufen noch selber
nähen.
In der Stadt Neu-Freyburg hatten die Einwanderer gute Gelegenheit, das
Marktgeschehen zu beobachten. Die Bauern, die ihre Früchte verkaufen wollten,
kamen in Begleitung ihrer vielen Sklaven. Sie mussten die beladenen
Maultiere in die Stadt führen und die Ware dem Volk anbieten. Die Schweizer
hatten von Anfang an anderes Geld als die brasilianischen Bauern. Einige Wörter
verstanden sie und viele andere wieder nicht. Die Schwarzen mussten auf
248 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
die Ware aufpassen, verkaufen aber durften sie nicht. Man konnte nur etwas
kaufen, wenn der Bauer kam. Die Schweizer lernten bald die portugiesische
Sprache und das Geld kennen. Die meisten Siedler verliessen Neu-Freyburg
und zogen nach Magagu, wo sie sich endgültig niederliessen. Der Anfang war
schwer, aber mit der Zeit begann der Handel mit Zucker, Kaffee, Reis und
Baumwolle zu gedeihen. Alles in allem gewinnt man aus dem umfangreichen
Bericht von Anton Hecht aus dem Jahre 1822 die Überzeugung, dass es die
Siedler anfänglich sehr schwer hatten. Es wurden ihnen ungeahnte Hindernisse
in den Weg gelegt. Sie packten jedoch tatkräftig zu und waren gewillt durchzuhalten.
-
Eben Schweizer Pioniergeist!
Zwischen dem 4. November 1819 und dem 8. Februar 1820 gingen die acht
verschiedenen Schiffe in der Bucht von Rio de Janeiro vor Anker: Fur die
Neuankömmlinge liefen die ersten Stunden stets nach dem gleichen Schema ab.
Ihre erste Nacht in Brasilien verbrachten die Siedler noch auf dem Schiff und
gingen erst am nächsten Tag an Land. Alle nahmen diese erschwerliche Reise
auf sich, welche ins Gebirge durch den Tropenwald führte, bis sie endlich das
„Gelobte Land" Nova Friburgo erreichten.
*5?* -
Abb. 11: DieAbreise derAuswanderermit dem Schiff: 12.7.1819 ab Luzern; 20.7.1819
ab Laufenburg; 23.7.1819 ab Basel; 10.10.1819 ab Den Heldeer mit dem Meerschiff;
15.12.1819 in Rio de Janeiro. Kolorierte Zeichnung: Universitätsbibliothek, Freiburg.
Anita Weibel-Knupp 249
Die Familien Knupp von Grossdietwil zogen nach Nova
Friburgo (Brasilien)
Wir folgen nun den Spuren der beiden Knupp-Familien aus Grossdietwil, die
1819 nach Brasilien ausgewandert sind. Joseph Knupp, 53, verheiratet,
Landarbeiter (Bemerkung: Körperliche Beschaffenheit; stark); zu seiner Familie
gehören: Ehefrau Christina Maria, 40, Kinder: Maria, 15; Christian, 14; Elisabeth,
13; Joan Baptista, 11; Leoncius, 9; Josephus, 4; Anton, 12 Wochen, er starb auf
dem Schiff am 26.11.1819. Der Familienvater Joseph ist ebenfalls am 3.6.1820
Gebrüder Knupp die Auswanderer nach Brasilien. Bild: Ahnenforschung: Anita Wei-
bel-Knupp; Baum in Acryl: Nadia Weibe!; Satz und Gestaltung: Matthias Weibel.
Stammbaum im Format 1,10m x 1,20m
Abb. 12: Stammbaum Knupp mit den beiden Auswanderermarkiert
250 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
in der Kolonie in Nova Friburgo (an Diabetes) gestorben. Sein Bruder Joanes
Baptista Knupp hat dann die sechs Flalbweisen grossgezogen. Er und seine
Ehefrau Magdalena Knupp-Broch geborene Foster (2. Ehe) sind dann für die
Erziehung und Kosten aufgekommen. Die Mutter und Witwe Christina Maria
Gattina Knupp hat wieder geheiratet. Am 27. 11. 1820 wurde sie getraut mit
Johann Streiby in Nova Friburgo. Vermutlich ist sie mit ihm nach Candagalo
oder Maggau gezogen.
Joanes Baptista Knupp, 50, verehelicht, Küfer, (Bemerkung: Körperliche
Beschaffenheit; gesund, Deserteur (aus sardinischen Diensten), Gulden 933.33
sind eigenes Vermögen. Will seines Freundes Familie aushalten); Magdalena,
39, Ehefrau; Kinder: Josef, 15; Johann, 11; Maria, 7; Catharina, 5; Anna, 214;
Johann Blasius 34 (Tafel 7a). Unser Vorfahre Joanes Baptista Knupp muss ein
sehr zäher, hartnäckiger, pflichtbewusster, arbeitsamer und gutherziger
Mensch gewesen sein. Er setzte sich nicht nur für seine Familie, sondern auch
für seine Freunde ein. Er unterstütze sie in moralischer und finanzieller
Hinsicht. Sein fachliches Können als gelernter Küfer und die landwirtschaftliche
Erfahrung halfen ihm dabei.
Nun zur Fleimat und Herkunft (Ursprung) der beiden Knupp-Brüdern, die von
Grossdietwil nach Brasilien ausgewandert sind:
Die beiden Brüder Joanes und Josephus Knupp, Söhne von Joanes Wilhel-
mus Knupp und Ana Maria geborene Otzenberger, sind in Grossdietwil geboren.
Mit ihren sieben weiteren Geschwistern durften sie im Oberdorf, Kosten-
gässli, eine glückliche Jugendzeit erleben. In Grossdietwil haben sie ihre Schulzeit
absolviert. Schon während dieser Zeit hat sich Joanes Baptista für den Beruf
eines Küfers interessiert. Später zog es ihn in die Rolle des Söldners, er
kehrte der Schweiz den Rücken und fand Gefallen an den „Napoleonischen
Kriegen". Als Söldner und „Deserteur" verdiente er Geld, damit seine Ehefrau
in der Schweiz das Wohnhaus mit angebauter Scheune, Kraut- und Baugarten,
Babigässli 2, in Grossdietwil erwerben konnte.
Für Josephus war die Liebe zu Tier und Natur so gross, dass es für ihn klar
war; sein Beruf wird einmal Landwirt sein. Die Einwohner von Grossdietwil
lebten vorwiegend von der Landwirtschaft. Die Bevölkerung nahm zu, die
Bodenfläche blieb konstant. Der schlechtgedüngte Boden warf wenig ab, und die
Bearbeitung war mühselig (Allmendland). Zu allem verzeichnete unser Land im
Jahre 1816 eine Missernte. Grund war die Klimaverschlechterung wegen des
Ausbruchs des Vulkans Tambora am 5. April 1815. So schrieb der „Schweizer
Bote" am 28.3.1817: „Es steht Hungersnoth bevor!.... Ich muss reden. Ich muss
betteln für die magern Gestalten der Elenden, für die blassen Gesichter, die mir
auf Wegen und Stegen begegnen und sprechen: Ich habe heute noch nicht ge¬
Anita Weibel-Knupp 251
gessen." Daraus erklärt sich leicht, dass entschlossene Leute, wie unsere beiden
Vorfahren, die Gebrüder Knupp ihre Siebensachen packten und anderswo
das Glück suchten.
[panes Baptista Knup. «Küfer» verheiratet mit der Witwe Magdalena Broch geborene Foster
geboren 303-1769. Grossdietwil geboren l 9 1778
gestorben 29.7.1853, Nova Fnburgo gest. 2.1.1826, Nova Friburgo
^
/
0$cnStn.ßjLL
tfÄ/SW* O&nfafM. Auac&T
Josephus Antonius Leodegarius Knup. verheiratet Christina Maria Gattina
»Landarbeiter» Landwirt geboren 13-31779, Grossdietwil
geboren 189 1766 in Grossdietwil
gestorben 3-6 1820 in Nova Fribuigo
irlr&On«*.
Jfay>
/ w ' (X7la. /Raum. ö$V7t6e*g* dLjoJha. JTBCMM
Die beiden Familien sind 1819 nach Brasilien ausgewandert'!
Söhne von1
[oanes Wilhelmus Knup. und Ana Maria geborene Otzenberger von Grossdietwil
Abb. 13: Auszug aus den Kirchenbüchern Grossdietwil
Abb. 14: Foto Grossdietwil um 1860. 1: Geburtshaus vonloanes undJosephus Knupp. 2:
Wohnhaus undScheune von Joanes und Magdalena Knupp. 3: Schlössli, mein Elternhaus
252 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Geschwister(Tafel 6) derAuswandererjoanesundJosephusKmip
YvoWilhclmu» lotgciburt610175$ inOD
"to
M.,r,.i Ana Knup ^1» 2411756 m CD dL~«
WilhelmiksKnup geb 244 1759in GD gest 254 1759m OD L,**-itfuc. .£.f - X/U~ - dU~t
Josephus/Blasius Knup geb 31 8 1757 in Gl)(H.mptst.imm/siehe lafel6, Seite 166)
y\S **
Wilhclmus losephus Knup geb 194 1760 in Gl) Jy ^ « <SA*/,/.
Anna Maria Agatha Kunianowa Knup. geb 169 1762 in GD (steheSeite
Anna Maria AgathaKnup geb 146 1765 CL-nix</a<*x*a. ^ f a S ua t S * U * ** . *. -«*, a A ^ A jK rr» r f fu-*# ^ . •xÄLye*
Ana Maria Plisabetha Knup geb 12 10 1772 in Gl)
j/'/. "77fr ^
fllanxo. J&xitA. yfiJjkfhtuss Jrsej&Xf Xkaxßtccb£*4l*g
Maua fosepha Jacoba Knup geb 142 1774 in (7|)
Abb. 15: Auszug aus den Kirchenbuchern Grossdietwil
Das liest sich so leicht; man muss sich aber vorstellen, was das heisst, wenn
Familien aus ihrem vertrauten Kreis wegziehen, Verwandte, Freunde und
Bekannte verlassen, die sehr beschwerliche Reise auf sich nehmen und in ein
fremdes Land ziehen, von dem sie weniger wissen als heute jeder Jugendliche
weiss. Eisenbahnen gab es damals noch nicht und Dampfschiffe waren noch
selten; die Überfahrt auf dem Atlantik mit dem Segelschiff dauerte lang und
war sehr beschwerlich. An eine Rückkehr war nicht zu denken, denn mit der
Auswanderung war der Verlust des Bürgerrechts verbunden. Eine harte Bedingung,
die den Auswanderern mit Nachdruck mitgeteilt wurde. Wer verzichtete
gerne aufsein Bürgerrecht?
Auf der Gemeinderechnung von Grossdietwil im Jahre 1819, unter den
Ausgaben des Gemeindeammanns Josef Bucher (Rechnungssteiler) ist zu
lesen, dass den nach Prassillien ausgewanderten Jos. und Joanes Knupp
1582.17 Gulden ausbezahlt wurden. Weiter wurde noch ein Beitrag von 40
Gulden an die Reisekosten geleistet. Man einigte sich, den Betrag von 40
Gulden unter der Rubrik „Armenwesen" in den Ausgaben aufzuführen, die
Ausgaben waren deshalb auch höher als sonst. Sie wurden mit 1826 Gulden
angegeben. Den grössten Anteil beanspruchte aber die Unterstützung für
hilfsbedürftige Personen, Lehr- und Pflegelohne, Hauszinsen, aber auch Bei-
Anita Weibel-Knupp 253
trage an uneheliche Kinder wurden unter dieser Rubrik aufgeführt Als
Rechnungsteller zeichneten weiter Waisenvogt Vonmoos und Verwalter Johan
Ambuhl. Somit haben unsere beiden Vorfahren 1622.17 Gulden aus der Ge-
meindekasse erhalten. Es war zu jener Zeit üblich, dass Burger Beitrage
erhielten, wenn sie auswanderten und auf das Burgerrecht verzichten mussten.
Ähnliche Zahlungen wurden aus der Korporationskasse geleistet. Die
Auswanderungen waren ein Thema der Korporationsversammlungen. Im
Verzeichnis der Ausgewanderten aus dem Kanton Luzern nach Brasilien, im Jahre
1819, wurden die beiden Familien Knupp mit Namen und Alter vermerkt.
Vorbereitung der Auswanderung
Die Kolonisten erhielten von der portugiesischen Krone über die kantonale
Regierung Weisungen fur die Auswanderung. Wer in Brasilien einwandern
wolle, müsse neben Pass und Ausreisebewilligung über ein Leumundszeugnis
des Ortspfarrers oder einer zivilen Stelle verfugen. Im Übrigen werde Portugal
bei der Uberfahrt auf dem Meer sehr behilflich sein. Sie hatten sich in Basel
einzufinden, wurden dann mit dem Schiff ans Meer gebracht, wo sie auf einem
Segelschiff die Uberfahrt antreten konnten. In Brasilien hatten sie vorerst keine
Steuern zu bezahlen, lediglich der Grundstuckhandel wurde mit 5 Prozent
Abgaben belastet. In Brasilien stunde ihnen der portugiesische Grosskanzler fur
alle Auskünfte zur Verfugung, teilte man ihnen beruhigend mit.
Gepäck
Der Kanton Luzern stellte den Auswanderern eine Liste zu, worin das
Gepäck umschrieben wurde. Alle Gegenstande mussten wohiverpackt in Kisten
oder Ballen sein. Die Gepackstucke durften höchstens 1,5 m lang, 45 cm hoch
und 40 cm breit sein, und gewichtsmassig sollten 100 kg pro Person nicht
uberschritten werden Was zur Mitnahme empfohlen wurde: Hinlängliche
Kleidung, mehrere Hemden und anderes Leinenzeug, Bettdecken, Leintucher,
Hangematten nach Verhältnis und Umstanden, Kochkessel, Löffel, Gabel, Messer,
Lampen, Kerzenstocke, Schaufeln, Karsten, Hauen, Axte, Wald- und
Handsagen, Sensen, Sicheln, eine Handmuhlefurjede Familie, vollständiges Werkgeschirr
fur jeden Handwerker, Reisepass und Wohlverhaltens-Zeugnis, Kaputt
von gutem Landtuch, Pfannen, Schaumkellen und anders Kuchengeschirr, Flinten,
Säbel und Weidmesser, Matratzen, Kissen, Tischtucher, Krautmesser,
Giesskannen, Rebenmesser, latthauen, Wetzsteine, Bohrer, Hecheln und
dergleichen, furjede Familie einen Regenschirm, verschiedeneArten Gartensamen,
welche in Flaschen eingeschlossen und mit Pech vermacht sind Man machte sie
auf den Weihwasserkessel, die Kerzenleuchter und Kreuze sowie Gebetsbucher
aufmerksam. Im Weiteren wurde auf das Geld hingewiesen Auf dem Rhein sei
254 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
pro Person mit 4/5 bis 1 Gulden, Pass- und Visa-Kosten zu rechnen. Die Fahrt
von Luzern nach Holland werde für den Erwachsenen auf 16 Gulden zu stehen
kommen.
Am 11. Juli 1819 hätten sich die Familien in Luzern einzufinden. Von dort
aus ginge es gemeinsam nach Basel. „Gute Schiffsleute" brächten dann die
Auswanderer von Basel nach Holland. Diese Schiffe würden etwelchen Komfort
aufweisen, denn sie hätten ein Verdeck und „Personen und Waren seien von
der Witterung" geschützt. Die Ausgaben für Verköstigung werde bis zur
Ankunft am Meer für jede Familie mit 1-2 Louis d'or angegeben (ein Louis d'Or
6,9 g Gold). Jeder Familie wurde empfohlen, noch etwa 100 bis 200 Gulden
Bargeld mitzunehmen. Die Behörden rechneten, dass die Überfahrt ca. 40 Tage
dauern würde. Zur Beruhigung der Passagiere teilten sie ihnen mit: „Die Schiffe
führen Lebensmittel fur 4 Monate mit".
Über den genauen Verlauf der Fahrt unserer Ahnen wissen wir Folgendes:
Bekannt ist uns, dass von den ungefähr 2000 ausgewanderten Siedlern allein
auf dem Meer 311 starben (389 Personen auf der ganzen Reise).
Unter ihnen befand sich der damals halbjährige Anton Knupp, Sohn von Jo-
sephus Antonius und Christina Maria Knupp. Er starb am 26. November 1819.
Für unsere Vorfahren war dies wohl ein schreckliches Ereignis und eine harte
Prüfung. Ausserordentlich stark muss ihre Trauer gewesen sein, als sie ihr
geliebtes Kind auf dem Meer zurücklassen mussten. Dieses Schicksal hat die
Familie wohl auf ihrem weiteren Lebensweg stets begleitet. Das war keine
Ferienreise!
Gleichheit mit unseren Vorfahren, clen Knupp-Familien wanderten die nachgenannten Familien nach Brasilien aus
Alberswtl Stutz Kaspar mit Ehefrau Clara und einem KindJean 5 fahre
Altishofen Franz Hunkelei, Schreiner (Jungling von 22Jahren)
Fischbach Marfurt Melchior nut Ehefrau Louise und 3 Kindern und mit seinem Brudei Marfurt Xaver(25Jahre)
Gettnau Hödel Toset mit Ehefrau und 7 Kindern
Giosswangen HuberJosefnut Ehefrau Marianne u 7 Kindern (3 Kinderstarben aufdem Schiff)
Jung Melchior (ist auf dem Schiff gestorben) mit Ehetrau
Luterbach fohann mit Ehefrau Barbara und 5 Kindern
Menznau Hunkelei Adam mit Ehefrau Anna-Marie und 5 Kindern (1 Kind starb aufdem Schiff)
MeyerJoset mit EhefrauJosette und 3 Kinclein
Schotz ButtlerJosef mit Ehefrau Rosa und 5 Kindern
Wikon LackJosef mit 2 Kindern
Wilhsau-Land Waterwald Anton (starb in Holland) mit Ehefrau und 5 Kindern
Willisau-Staclt Josef Hecht mit 2 Söhnen, (er kehrte 1822 in die Schweiz zunick)
JostJohann. Arzt (schrieb 1825 an den Regierungsrat v Luzein einen Brief) mit Ehefrau Magdalena,
den 6 Kindern
Supiger Bernhard, Maurer, mit Ehefrau Therese und 5 Kindern
Wermelinger Xaver, Drechsler, mit Ehetrau Katharina u 6 Kindern (1 Kind starb auf dem Schiff)
Abb. 16: Gleichzeitig mit den Knupp-Familien ausgewanderte Familien nach Brasilien
Anita Weibel-Knupp 255
Josephus Antonius Leodegarus Knup. verheiratet mit Christina Maria Gattina
Ihre Kinder:
^
Jßytd
Joseph Anton Knup geh am 94 1819 in GO, gest. am 26 11 1819 auf dem Schiff
4 (t(StfiAd $ty{zz nttjut. 3^ete/-Jet
Joseph Leontius Knup geh am 169.1815 in GD j.
<6C\Ld*S
- s%ge4fjktzp& %/m/jk fftjfatfl*
Jose
1
ph Leontius Knup
1
g*eb 8 11 1810 m GD fy«*k/*s?; ^
AO*.
S JtHfi/U/ZdaS
Joan Babtista Aloisius Knup geb 266 1808 in GD
t/cvtUt $&£
Elisabeth Knup geb 246 1806 in GD
Joseph Christian Knup geb 11 3 1805 in GD
Anna Maria Knup geb 5 5 1804 in GI9
Abb. 17:Auszug aus den Kirchenbüchern Grossdietwil
Von Dr. Jost erhielt ich eine kleine Beschreibung (1825) über die Existenz
und das allfällige Befinden der Luzerner Auswanderer. Die Gebrüder Knupp:
Johan Knupp bewohnte mit seiner Familie das Kolonie-Land Nr.82 in Nova
Friburgo und weiteres Land in Cantagalo. Die beiden Brüder zogen die Los-
Nummer 82, 17 x 20 Jucharten Land und kauften sich noch 100 Jucharten-Land
dazu. Mit 440 Jucharten-Land (144 ha) kamen sie mit 17 Personen zu einem
eigenen Flaus. Ihnen ging es in finanzieller und gesundheitlicher Hinsicht
bestens mit Ausnahme von Josephus, der 1820 in der Kolonie verstorben ist.
Vermutlich sind also auch die Knupp nach Cantagalo gezogen, um Kaffeeplantagen
zu bewirtschaften. Der Kaffee wurde in Rio verkauft, einige der Auswanderer
hatten damit Erfolg, und dies führte ca. 1850 zum Reichtum.
Die Knupp's Nachbarn seien Huber Josef von Grosswangen, Witwer mit 4
oder 5 Kindern. Er verkaufe und handle mit Pflanzen. Es ging ihm finanziell und
gesundheitlich bestens. Die Marfurt aus Fischbach hätten das Kolonie-Land Nr.
32 bewohnt. Es ginge ihnen jedoch finanziell sehr schlecht. Sie wurden von
Johan Knupp in jeder Hinsicht unterstützt. Wermelinger Xaver, von Willisau
„Trexler" mit Frau und 7 oder 8 Kindern „nur simple" hätten das Kolonie-Land
Nr. 61 bewohnt und zogen nach Macahe „Kaffeeplantage"".
256 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Abb. 18: Die SchweizerKolonie Neu-Freyburg, Nova um 1825 - Zeichnung: J.B. Debret,
Paris, Bibliotheque Sainte-Genevieve
Die Knupp, Bron, Herde, Marfurt, Tardin, Wehrli,
Wermelinger, Werner auf hoher See unterwegs und
ihre Verbindungen
Tafel 7a
Von Jorge Knupp aus Brasilien habe ich folgende Hinweise erhalten: Ana
Maria Knupp, geboren am 1.3.1812 in Grossdietwil, Tochter von Joanes und
Magdalena Knupp, hat am 20.6.1839 Josef Marfurt in Nova Friburgo geheiratet.
Josef Marfurt ist ebenfalls 1819 als dreijähriges Kleinkind mit seinen Eltern
Melchior und Louisa Marfurt und den zwei Geschwistern ausgewandert. Anna
ist am 5.10.1819 auf dem Schiff verstorben. Anna Marias Bruder Josef Knupp,
geboren am 1.12. 1804 in Grossdietwil, hat sich am 8.8. 1831 mit Johanna Herde
verheiratet. Nach und nach wurde die Familie grösser, und zwölf Kinder
wurden in Nova Friburgo geboren. Johanna Herde ist um 1813 in Herznach im
Kt. Aargau geboren. Ihre Eltern Lorenz und Viktoria Herde sind mit ihren acht
Kindern ebenfalls 1819 nach Brasilien ausgewandert. Sie waren auf dem Schiff
„Elisabeth Marie" vom 10.10.1819 bis 6.12.1819. Auf dem Schiff haben sie zwei
Kinder verloren. Peter wurde am 8.11.1819 und Philippe am 18.11.1819 im
Meer versenkt. Es war ein schwerer Schicksalsschlag für die Familie, als die
beiden Kinder so kurz nacheinander verstarben. Am 18. Oktober 1819 kreuzte
die „Elisabeth-Marie" das Schiff „Heureux-Voyage" (am 10.10. 1819 in See
gestochen) das ebenfalls künftige Siedler nach Brasilien brachte, darunter
unsere Vorfahren, die Knupp. Die beiden Kapitäne tauschten Nachrichten aus. Da
Anita Weibel-Knupp 257
musste vermutlich der 15-jährige Josef Knupp die sechsjährige Johanna von
weitem gesehen haben. Ob sie miteinander Worte ausgetauscht oder nur zu-
gezwinkt haben, ist nicht bekannt.
Catharina Knupp (Schwester von Josef), geboren am 4.4.1814 in Grossdiet-
wil, hat sich am 2.10.1854 mit einem Antonio Zehnder in Nova Friburgo
vermählt. Seine Eltern müssen wohl aus Birmenstorf (Kt. Aargau) nach Brasilien
ebenfalls mit dem Schiff „Elisabeth Marie" ausgewandert sein, und Antonio
wurde danach geboren.
Johann, geboren am 24.10.1808 in Grossdietwil, ebenfalls ein Sohn von Jo-
anes und Magdalena Knupp hat am 5.8.1833 einer Catharina Kilther in Nova
Friburgo das Jawort gegeben (Obereltern von unserem Ahnenforscher Jorge
Knupp Cerqueira). Johann Knupp hat das Schweizer Bürgerrecht behalten. Jose
Knupp war der Sohn von Johann jun., er hat in Nova Friburgo eine Brasilianerin
geheiratet.
Sehen wir uns aber die Tafel 7a etwas näher an, so müssen wir annehmen
dass die Nachkommen der Auswandererfamilie, Joanes u. Magdalena Knupp
sowie Xaver Wermelinger, von Beruf Drechsler aus Willisau, in Kontakt blieben.
Die Patenschaft der beiden Enkelkinder Luiz Felippe und Antonio Guilherne
(Grosseltern Joanes und Magdalena Knupp) haben jeweils die Wermelinger
und Flerde übernommen. Walter Wermelinger der seit ca. 20 Jahren mit seiner
Frau in Brasilien lebt sowie der vorgängig erwähnte Alberto Lima Abib Werme-
longer aus Brasilien, sind ebenfalls aus dem gleichen Familienstamm.
Ebenfalls aufgefallen ist mir, dass der Bruder der erwähnten Enkelkinder
von Joanes und Magdalen Knupp, Joäo Christino Knupp, geboren am 25.10.
1832 in Nova Friburgo eine Margarida Knupp geheiratet hat. Hier finden wir
nochmals dieselbe verwandtschaftliche Verbindung wie bei meinen Eltern Anton
und Marie Knupp-Knupp, auch sie waren Cousin/e 2. Grades.
Jose Januario Knupp, geboren am 19.9.1845 in Nova Friburgo, Sohn von
Johann Knupp, geboren am 24.10.1808 in Grossdietwil, hat Maria Rosalina Tardin
geheiratet. Ihre Vorfahren kamen aus der Westschweiz, ihre Grosseltern sind
1819 nach Brasilien ausgewandert. Sie waren auf dem Schiff „Urania". Die
Knupp und Tardin haben sich später (1963) nochmals verehelicht.
Die dramatische Fahrt der „Urania": Am 12. September 1819 in See gestochen
unter dem Kommando des Kapitäns Boch, kam am 30. November in Rio
an. Während der Überfahrt starben 107 der 437 an Bord gegangenen Siedler.
Am 13. September: Die Freiburger wurden von der Seekrankheit überrascht.
Auf offener See setzten die Schlinger- und Stampfbewegungen des Schiffes den
Landratten zu, die glaubten, ihr letztes Stündchen habe geschlagen. Die Matrosen
versuchten ihnen zu erklären, dass die Seekrankheit nicht tödlich sei. So
ungefähr müssten die Knupp die Seekrankheit auf dem Schiff „Heureux-
258 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Voyage" auch erlebt haben. Am selben Tag starb Francois Butty auf dem Schiff
„Urania", nachdem er die Letzte Ölung erhalten hatte. Die Matrosen brachten
den Leichnam an Deck, wickelten ihn in ein Leintuch und befestigten einen
Sandsack an den Fussen. In weissem Chorhemd und mit schwarzer Stola las
Pfarrer Joye die Totenmesse. Auf Befehl des Kapitans wurde der Leichnam wie
üblich ins Meer versenkt. Die Siedler waren jeweils sehr aufgewühlt und beteten
zur Muttergottes. Am 5. Nov. kam der Sohn des verstorbenen F. Butty zur
Welt. Zu Ehren des Kapitans erhielt er den Namen Frederic. Der 24. September
war ein schlimmer Tag, allein am Nachmittag mussten sieben Leichen dem
Meer ubergeben werden. Am 17. Okt. 1819 harpunierten die Matrosen der
„Urania" einen Hai, der an Bord „gehisst" wurde. „Zuerst schnitt man ihm das
Ende des Schwanzes ab, dann öffnete man seinen Bauch Welche Überraschung,
in seinen Eingeweiden fand man ein kleines Kind, Kopf und ein Teil des
Korpers waren unversehrt, mit Ausnahme eines Arms. So konnte ich noch einige
Geschichten erzählen von den Erlebnissen der Siedler auf den Schiffen.
Tafel 7 b
Joseph Christian Knupp, geboren am 11.3.1805 in Grossdietwil (Sohn von
Josephus Knupp), hat am 26.9.1831 in Nova Friburgo seine Geliebte, Maria
Thereza Bron, geheiratet. Sie hat ihrem Ehemann Christian elf Kinder
geschenkt. Maria Theresa war etwa vier Jahre alt, als ihre Eltern Jean-Baptiste
und Maria Bron aus Saxon (Wallis) sowie ihre sechs Geschwister 1819 nach
Brasilien auswanderten. Beide Familien befanden sich auf dem Schiff „Heureux
Voyage" Hier haben sich wohl die beiden Kinder Christian Knupp und Thereza
Bron beim Spielen getroffen. Zu dieser Zeit ahnten sie kaum, dass aus dieser
Kinderfreundschaft einmal eine Ehe entstehen wurde
Tafel
c
Joan Knupp, geboren am 26.6 1808 in Grossdietwil (Bruder von Christian),
hat sich am 8.7.1839 in Nova Friburgo mit Margarida Wehrli vermahlt. Ihre
Eltern lebten in Grindel (SO) und sind 1819 mit ihren Kindern ausgewandert
(ebenfalls mit dem Schiff „HEUREUX VOYAGE"). Margarida muss dann wohl in
Brasilien geboren sein. Joan Knupp und Margarida geborene Wehrli hatten
zusammen acht Kinder.
Joseph Knupp wurde am 16.9.1815 in Grossdietwil geboren. Er war erst vier
Jahre alt, als er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Brasilien auswanderte
Auch eine Familie Jean und Susanne Werner aus Corgemont (Jura) ist mit
ihren vier Kindern nach Brasilien ausgewandert. Ihnen wurde das Schiff „Debby
Elisa" zugeteilt Am 12. September 1819 in See gestochen, ging das Schiff am
26. November 1819 in der Bucht vor Rio vor Anker. Wahrend der Uberfahrt
Anita Weibel-Knupp 259
starben auf dem Schiff zwei Kinder von ihnen, die man am 29.9.1819
dem Meer übergeben hat. Nun hatten sie nur noch Jean-Johann (4. J.) und
Elisabeth (6 J.). Aus der Freundschaft zwischen Elisabeth und Joseph Knupp
wurde Liebe und daraus folgte der Eheschluss. Gross war die Freude als am
24.5.1840 der Stammhalter auf die Welt kam. Es folgten elf weitere Kinder
Nun zu den Schiffen „Deux Catherina" und „Camillus". Das Schiff „Deux
Catherina" stach am 12. September 1819 in See. Von den 357 Passagieren
starben 77. Am 7.12. 1819 erlebten die Siedler auf dem Schiff einen Sturm. Das
Schiff kam vom Kurs ab und bewegte sich im Kreis. Am 4. Nov. 1819 ging die
„Deux Catherina" in der Bucht von Rio vor Anker. Vom Schiff „Camillus" wissen
wir, dass es am 10.10.1819 in See gestochen war. Kurz vor England wurden sie
von „Sandbank" festgehalten. Das Schiff schlug leck und musste repariert werden.
Am 16.12.1819 ging die Fahrt wieder weiter, und sie kamen endlich am
8. Febr. 1820 in Rio an.
Name
inSeegestochen
in Rioan Ortschaften
Passagiere
Tote Kapitan
Daphine 11 Sept 1819 4 Nov1819 Fribourg 197 31 Koller
Urania 12 Sept1819 30 Nov1819 Fribourg 437 107 Boch
Deux Catherine 12 Sept1819 4 Nov1819
Fribourg/Bern 357 77 Rot
Debby Elisa 12 Sept1819 26 Nov 1819
Jura 233 25 Sprangel
Heureux-Voyage 10 Okt.1819 17.Dez 1819
Luzern,Wallis 442 43 Van DerCerer
Schwyz,Solo-
thurn
Elisabeth-Marie 10 Okt 1819 6 Dez 1819
Vadt 228 19 Strugh
Camillus 10 Okt 1819 8 Febrl820
Trajan anfangs Oktober Jura, Solo- 119 9 Trippense
thurn
1819 mit der
Fracht/ Koffern
Tab. 3: Die achtSchiffe
Unsere Vorfahren verfügten über Sklaven. Es durften sich nie mehr als drei
Sklaven zusammen unterhalten, damit sich kein „Komplott" ergab. Die Behandlung
der Sklaven empörte sie. 1888 wurde die Sklaverei abgeschafft. Allmählich
machten sich die Siedler mit ihrer neuen Fieimat vertraut. Sie lernten die
Namen und die Eigenschaften der Flora und Fauna kennen und versuchten
nachts, die unbekannten Sternbilder zu identifizieren. Das Kreuz des Südens
war ihr Glückszeichen.
Im März traf Miranda, der Inspektor, die ersten Massnahmen um Diebstähle
zu unterbinden, die Jagd zu regeln und die Flygiene zu fördern. In Absprache
260 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
mit dem Arzt Bazet und Pfarrer Joye teilte er den Siedlern ihre ersten Unterkünfte
zu und organisierte die Post; der erste Briefträger hiess Claude Friaux.
Der Franzose Quevremont wurde zum Polizeikommandanten ernannt. Die
Stadt wurde in fünf Bezirke unterteilt, denen je ein Aufseher vorstand. Vor
allem lag den brasilianischen Behörden daran, die Einwanderer in ihr neues
Fleimatland zu integrieren. Sie waren nun Brasilianer und Untertanen eines
katholischen Königs. Am 17. April 1820 feierte die Kolonie die Wahl des ersten
Gemeinderates und den gemeinsamen Anfang in Nova Friburgo, da inzwischen
alle Schweizer Auswanderer angekommen waren. Einige Protestanten traten
zum katholischen Glauben über. Am 23. Juni ging das Namensfest des
Schutzpatrons mit einem Turnier zu Ende. Die Schweizer hefteten sich ein Bildnis
König Joäos VI. an den Flut. Am 6. August segnete Joye die königliche Fahne
und setzte den Grundstein für die Pyramide auf dem nach Joäo VI genannten
Platz. Miranda hegte ehrgeizige Pläne für seine Stadt. Wäre es nach seinem
Willen gegangen, hätte Nova Friburgo rasch eine Schule, ein Museum, ein Spital
und eine Bibliothek erhalten. Doch der Aufschwung Neu-Freiburgs hing
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Abb. 19: Briefdes PfarrersJoye an den Bischofvon Freiburg 9.10.1821
Anita Weibel-Knupp 261
Abb. 20: Erste
evangelische-
lutherische
Kirche, 1824,
als die
deutschen Auswanderer
am
24. Mai in
Nova Friburgo
ankamen
weniger von den Träumen des Inspektors als vom Arbeitseifer und von der
Beharrlichkeit der Siedler ab.
Vom März 1822 ist uns ebenfalls ein Bericht der „Schweizer Gesellschaft zu
Rio Janeiro" erhalten geblieben, der uns Einblick in das Leben der Kolonisten
gewährt. Der Bericht stammt von den beiden Kommissären der Hilfsgesellschaft
für schweizerische Witwen und Waisen. Sie besuchten die Siedlung
Neufreiburg und konnten mit behördlicher Bewilligung Einblick in das Leben der
Schweizer nehmen. Vor dem Betreten der Schweizer Siedlung hatte man die
Besucher von einem „ausserordentlichen Elend" gewarnt. Sie wurden jedoch
angenehm überrascht, dass es den Siedlern gar nicht so schlecht ging. Die
Beobachter glaubten, dass sich die Lage stets verbessern werde. Am Anfang sei
die Verwaltung sehr schlecht gewesen. (Die Verwaltung bestand aus Nicht-
schweizern). Leider waren die Einwanderer zuerst zur Untätigkeit verurteilt,
weil man ihnen keinen festen Boden zugeteilt hatte. Sie hatten nicht einmal
kleine Gärtchen erhalten und wurden dazu gezwungen, Strassen zu bauen, mit
denen die einzelnen Parzellen erschlossen wurden. Als der neue Kommissar
dies gesehen hatte, habe er sich entschlossen, die Kolonie zu übernehmen. Die
Neubesetzung solle für die Schweizer eine neue Hoffnung sein. Die Kolonisten
hielten sich im Distrikt von Canto Gallo bis Rio De Janeiro auf. Die Zahl der
Siedler, ursprünglich mit 1500 angegeben, sank auf 1300. Darunter soll es
überdurchschnittlich viele Waisen gegeben haben. 24 seien bei Brasilianern
untergebracht worden, die restlichen bei Schweizern. Die Kommissäre, welche
die Kolonie bereisten, wurden von einem Pfarrer und einem Arzt begleitet,
welche die Arbeitsamkeit und den Fleiss des Müllermeisters Vuichard gelobt
262 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
hatten. Er habe die königliche Muhle gepachtet und musterhaft betrieben,
weiter habe er auch erfolgreiche Versuche mit Luzerne und Hanf gemacht.
Auch das Gemüse sei vortrefflich gediehen. Die „Hirs- und Turkischen-Korn-
Pflanzungen" seien ebenfalls erfolgreich gewesen (wiege doch der Ertrag das
Zweihundertfache der Saat). Die Ertrage hatten meistens ausgereicht, um die
notwendige Nahrung zu bestreiten Am meisten wurden Bohnen und Mais
angebaut, welche auch den besten Erfolg brachten. Erfolgreich und ermutigend
seien auch die Fortschritte im Wohnungsbau gewesen. Bald habe man an
Stelle von Hutten, feste Hauser, Holzhauser gebaut. Die „Hutten" hatten kaum
gegen den Regen, geschweige denn gegen die nächtliche Kalte geschützt.
Bewunderung fand auch die Witwe Felicitas Mury, die mit ihren fünf Waisen
musterhaft eine Bebauung an die Hand genommen habe. Reichlich gelobt,
geschätzt und geehrt wurde auch der Pfarrer. Er habe eine Schule aufgezogen
nach dem Helferprinzip- Jeder Schuler, der etwas gelernt hat, gibt sein Wissen
weiter, der Schuler wird wieder zum Lehrer Lehrerpersonal und Lokal seien rar
gewesen Man habe dann das Lokal in die Stadt verlegen wollen, was aber
nicht gelang, vermutlich wegen des langen Schulweges. Auch der bescheidene
Lehrerlohn von nur 2 Pfund Sterling 10 Schilling im Monat durfte nicht
verlockend gewesen sein. Bewunderung erhielten auch die Bauern. Unter den Bauern
habe es richtige „Tüftler" gegeben. So hatten sie jeden Monat europaische
Fruchtkorner gesät, um so den besten Zeitpunkt fur den Anbau zu finden. Unter
den Tüftlern sei ein Peclat auf Parzelle 17 gewesen, der sich auch als
Zimmermann ausgewiesen hatte. Er habe die andern Siedlern darauf aufmerksam
gemacht, die Hauser ausschliesslich aus Holz zu bauen, da es in den Urwaldern
reichlich zur Verfugung stehe. Aber am meisten habe man die Schweine- und
Rindviehzucht vermisst. Gute Ergebnisse zeigte auch der Tabakanbau. Die Siedler
hatten nicht nur im Kampfe gegen die Harte der Natur bestanden Ein neuer
Gegner war die Spekulanten. Ein Nathaniel Lukas habe sich im Grundstuckhandel
mit den Siedlern gute Geschäfte erhofft. Die Regierung habe die Gefahr
erkannt und sich auf die Seite der Siedler gestellt. Dem Spekulanten wurde also
der Riegel geschoben.
Recht beachtlich war auch die Entwicklung des Gewerbes, fand man doch
nach zwei Jahren auf der Siedlung bereits 3 Mehlmuhlen, 3 Sagemühlen,
1 Ölmühle, 1 Blechschmiede und eine Gerberei Man hoffte auf eine zweite
Gerberei. Pionierarbeit leistete auch ein Werner, welcher einen Brennofen
baute. Grosse Beachtung fand eine Topferei, welche von Schweizern eingerichtet
wurde
Anita Weibel-Knupp 263
Abb. 21: Foto um 1930. Der Bahnhof„Ccmto-Gallo", später„Leopoldina Railway", wurde
abgerissen. Er wurde nach der Prinzessin von Habsburg (Österreich), Frau von Dom
Pedro de Orleans e Braganga benannt. Heute ist das Rathaus„Baraode Nova Friburgo"
in der Hauptstrasse„Alberto Braune"in derStadt Nova Friburgo.
Anita Weibel-Knupp wurde 1951 im „Schlössli" in Grossdietwil geboren. Sie stammt
aus der Linie Knupp-Knupp, ist Bürgerin von Grossdietwil/Willisau/Ettiswil und ist in
einem Geschäftshaushalt aufgewachsen. Anschliessend hat sie in der Stadt Luzern eine
Diplom-Fachschule im medizinischen, kaufmännischen Bereich absolviert und danach
in Arztpraxen gearbeitet; seit 1973 Mitinhaberin und Geschäftsführerin einer Druckerei.
Sie ist mit Urs Weibel verheiratet; gemeinsam haben sie drei erwachsene Kinder
und einen Enkel. Genealogin ist sie seit 1994; Mitglied der Zentralschweizerischen
Gesellschaft für Familienforschung; der Association Fribourg-Nova Friburgo; der
Heimatvereinigung Wiggertal und Vorstandsmitglied der SGFF, der Schweizerischen
Gesellschaft für Familienforschung, wo sie den Schriftenverkauf unter sich hat.
Veröffentlichung von verschiedenen Forschungsarbeiten (als Ahnenforscherin und dipl.
Astrologin) sowie Autorin der Knupp-Chronik 1408-2004, begleitet mit einem Stammbaum.
In der Freizeit widmet sie sich ihrem Flobby „Künstler- und Antikpuppen von
1820-1950, sowie Zithern" und schreibt leidenschaftlich gerne Gedichte.
264 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
Anhang
Auswanderungsvertrag
Der untenstehenden Auswanderungsvertrag, der am 11 Mai 1818 zwischen
dem Konig von Brasilien und Sebastian Nicolas Gachet (Geschäftsführer der
Regierung von Freiburg) in Rio-de-Janeiro ausgehandelt wurde, betraf die
Bewilligung und Gründung einer Schweizerkolonie
1 Der Konig von Brasilien genehmigtdie Bedingungen des Kantons Freyburg zur Gründung
einerSchweizerkolonie in Brasilien und ubernimmt die Reisekosten FureineZahl von 100
Familien, die aus Mannern, Weibern und Kindern bestehen sollen und die sich alle ohne
Ausnahmezurkatholischen Religion bekennen
2 Sn Majestät wird ihnen die Reise von Rio Janeiro bis in den Bezirk Canto-Gallo, 24 Weg
stunden von derHauptstadtentfernt, erleichtern undLebensmittelzukommen lassen
3 Bey ihrer Ankunft werden die Kolonisten provisorisch in Hausern wohnen, welche Sn
Majestät befohlen hat zu errichten, bis die Schweizer ihre Städte und Dorfer werden
erbauthaben
4 JederFamilie,je nach ihrerbestehenden Personenzahl, wird eine bestimmte Strecke ganz
zinsfreye Landerey zum Anbau eigentümlich angewiesen und eingeräumt werden Sie
wird auch Vieh, als Ochsen, Pferde oder Maulesel zum Ziehen, Kuhe, Schafe, Ziegen und
Schweine erhalten Zum Pflanzen undAussäen werden ihr Getreide, Hülsenfrüchte, Bohnen,
Reis, Erdapfel, Welschkorn (Mais) undSämereien von Mamonen zurHerstellung von
Oel, sowie von Hanf und Flachs zugeteilt werden Nebstdem wirdjeder Familie noch
wahrend den ersten 2 Jahren ihrerAnsiedlung nach dem folgenden Verzeichnis Lebensmittel,
oderGeldstattdeselben, empfangen
Zwei Beispiele
Für eine Familie von 3-4 Personen
1 Ochse, 1 Maultier, 2 Milchkühe, 4 Schafe, 2 Ziegen, 2 Schweine, 1 Alqueire (1
Algueire 2,4 q ha) Getreide, 1 Alqueire Hülsenfrüchte, % Alqueire Bohnen, 2 Al-
queires Reis, 1 Alqueire Erdapfel, 3 Alqueire Welschkorn, Vi Alqueire Mamonen-
Oelsamen, 2/3 Hanf- und Flachssamen
Für eine Familie von 8-10 Personen
3 Ochsen, 3 Maultiere, 4 Kuhe, 8 Schafe, 4 Ziegen, 4 Schweine, 2 Alqueires
Getreide, 2 Alqueires Hülsenfrüchte, % Alqueire Bohnen, 4 Alqueires Reis, 3 Alqueires
Erdapfel, 6 Alqueires Welschkorn, 1 1/4 Alqueires Mamon-Oelsamen, 2 Alqueires
Hanf- und Flachssamen
5 Dass es Sr Majestät beliebt hat, jedem schweizerischen Kolonisten fur das erste Jahr
seines Aufenthaltes in Brasilien aufjede Person täglich 160 Reis (20 derselben kleinen
portugiesischen Münzen machen 2 Batzen und 3 % Rappen) und das zweiteJahr80 Reis
Anita Weibel Knupp 265
zu bewilligen, so wird der Betrag der ihnen vorgestreckten Lebensmittel nach dem
Ankaufspreise von den monatlichen Geldern abgezogen werden
6 Unter den Schweizerkolonisten, deren der Konig viele verlangt, soll die erforderliche An¬
zahl der nothwendigen Handwerker vorhanden seyn, als Zimmerleute, Schreiner,
Schmiede, Schlosser, Maurer, sowie einige Muller, Schuster, Gerber, Schneider, Weber,
Hanfer, Ziegelbrenner Diesen Handwerkern wird obliegen, diejenigen Portugiesen in die
Lehrezunehmen, diesich daraufverlegen wollen
7 Die Kolonie wird sich in Europa mit einem guten Wundarzt, einem guten Apotheker,
sowie miteinem Hufschmied versehen Jedem derselben wirdSeine Majestät eine Vergütung
ertheilen
8 Zur Besorgung des Gottesdienstes sollsich die Kolonie auch mit 2 oder4 Geistlichen ver¬
sehen
9 Die Geistlichen werden dem hochwurdigen Bischof des Kirchensprengels untergeordnet
seyn, zu dem sie gehören werden Nach ihrer Wurde werden sie die gleichen Einkünfte
beziehen, wie die brasilianischen Pfarrer oder Pfarrgehulfen Nebstdem werden sie noch
Landereyen zum Anbau erhalten, deren Nutzniessung ihnen zusteht, jedoch werden sie
über dieselben nicht verfugen können, weil diese Landereyen das Eigenthum der Kirche
bilden sollen Sie werden in Hausern wohnen, welche die Bevölkerungjeder Pfarrey
erbauen wird
10 Die neue Kolonie wird den Anfang mit Gründung einerStadtmit2 Dorfern machen Jeder
dieser Gemeinde werden Landereyen zum Anbau verliehen und eingeräumt werden,
deren Ertrag in der Folge zur Bestreitung ihrer betreffenden Verwaltungsauslagen hinreichen
wird
11 DieStadt wirdHauptort derKolonie und derMittelpunktihrer Verwaltung seyn Als Folge
ihrer Gewohnheit hat Sn Majestät ihr den Namen Neu-Freyburg (Novo Friburgo) gegeben
12 Aus besondererGutefurSchweizer ubernimmtSn Majestät die Kostenfurdie Erbauung
undAnschaffung derAusstattung derschon gebauten Pfarrkirche, die sie überhaupt mit
allem Notigen versehen wird
13 Alle Schweizer, welche sich in Folge dieses Vertrages werden daselbst niederlassen wol¬
len, werden eben dadurch sogleich bey ihrerAnkunft als Portugiesen betrachtet und
naturalisiert Sie werden in den Staaten Brasiliens den üblichen Gesetzen und Gebrauchen
unterworfen seyn und ohneAusnahme allerden Unterthanen beyder Welttheile bewilligten
undzu bewilligenden Vortheile und Vorrechte gemessen
14 In jeder Stadt und Ortschaft werden nach den portugiesischen Gesetzen Amtsbehorden
furdie Verwaltung und Gerichtspflege aufgestellt werden
15 Bis zur Errichtung derzu bestellenden Munizipalität soll die Kolonie durch einen Direktor
verwaltetwerden
16 Die Schweizer, die sich aufihre Kosten dieser Kolonie anschliessen, werden von persönli¬
chen undGrund-Abgaben allerArt10Jahrelangfreybleiben
17 Davon sind ausgenommen, die Abgaben aufdas Gold, welches die Schweizer gleich den
alten Unterthanen seiner Majestät mit dem Fünftel bezahlen werden, sowie die
Handlungsgegenstande, die in den königlichen Vertragen begriffen sind und die sie sich
ausschliesslich vorbehalten,fur welche ein allgemeines die Portugiesen betreffenden Verbot
besteht, dassich auch aufdieSchweizerausdehensoll
266 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
18. Sobald die Kolonie 150 waffenfähige Manner von 18 bis40Jahren zahlen wird, sollsie in
ihrem Innern, unter derAufsicht des Generals der Provinz, eine provisorische Wache
bilden, der die Handhabung der guten Ordnung obliegen wird Nach dem Ablaufder dem
Pflanzorte ertheilten Freyhelten, wird sich die Kolonie beeilen, eine Landmiliz, gleich den
übrigen in ganz Brasilien, zu bilden und wirdso wie alle Provinzen zur Werbung der
portugiesischen Weissen Korps beytragen vorzüglich aber der Schweizertruppen, wenn Sn
Majestätsolche im Dienstehatte
19 In Vollziehung des obigen Artikels werden alle unverheirateten waffenfähigen Manner
von 18bis 24Jahren, in einem zu bestimmendenZeitpunkt,jährlich das Losziehen undim
Verhaltnisse eines Mannes auf20, ihr Kontingent zu den Lmien-Regimenten stossen
Jedoch wirdderSchweizernichtmehrals4Jahredienen müssen
20. In derAbsicht, die begüterten Schweizer zu begünstigen, welche das Vorhaben hatten,
nach Brasilien auszuwandern und daselbst betrachtliche Landwirtschaft usw. zu betreiben,
wird Seine Majestät ihnen in der Kolonie Landereyen verleihen lassen und sie aller
Vortheile und Vorrechte theilhaftig machen, diesie derKolonie gewahren wird
21. Endlich erklartderKonig, dass man unterderZahljenerSchweizer, die eraufseine Kosten
kommen liess, sich einige befanden, welche nach ihrem Mutterlande zurückzukehren
wünschen, er solches keineswegs verhindern wurde, doch werden solche wahrend den
ersten 20jähren der Gründung der Kolonie nur über die Hälfte ihrer Habseligkeiten an
liegenden und beweglichen Guternfrey verfugen können, indem die andere Hälfte ihrer
betreffenden Gemeindezukommensoll, in derAbsicht, ihrEinkommen zu vermehren
Dies genehmigen die in dem gegenwartigen Vertrag enthaltenen Bedingnisse und
versprechen dieselbenpünktlich zu erfüllen.
RioJaneiro, den Ilten May1818
Unterzeichnet' Seb Nie. Gachet, Geschäftsträger Sr Ex. des Herrn Schult-
heissen und der Herren des Staatsrathes der Stadt und Republik Freyburg in der
Schweiz.
S.-B. Gachet, geb. 27.10.1770 in Paris, u.a. Privatsekretar des Königs Jochim
I. von Neapel (Schwager von Kaiser Napoleon), Geschäftsmann, Fuhrer der
Schweizer nach Brasilien. Er fiel in Brasilien wegen begangener Unregelmässigkeiten
in Ungnade und verlor alle seine ausgehandelten finanziellen Vorteile
und den ganzen Besitz.
Quellen
* Gemeindeverwaltung GD / Pfarramt GD / StALU
* Bauerliche Betriebe GD (1930 bis 2002),
* Bericht „Schweizer Gesellschaft zu Rio Janeiro"
* Chronik Grossdietwil von J Bucher
* Gemeinden aktuell Grossdietwil/Fischbach, WB
Anita Weibel-Knupp 267
* StALU: AKT 212/30., AKT BF 52., AKT 24/60 A.
* Chronik der Schweiz, Zentraibibliothek Luzern
* Abenteuer der Schweizer in Nova Friburgo von Martin Nicoulin
* Uma aventura em dois continentes 1819/1820 von Alberto Lima Abib
* Josef Anton Hecht von Willisau, Bericht 1823 (ZB Luzern) von Eugen Meyer-Sidler,
Willisau
* Bericht von DrJost an den Regierungsrat Luzern - Lettre de J-B Joste du 31 De-
zembre 1825
* August 1826 an Polizey-Rath
268 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819